Museum Folkwang
Als Nacker unter Nackten

Ende der siebziger Jahre machte sich Lothar Baumgarten auf eine lange Reise an den Amazonas. Ausgerüstet mit einem Forschungsstipendium teilte der Künstler einige Monate lang den Alltag der Yanomami-Indianern. Seine Filme, ethnografischen Objekte und Zeichnungen gehen nun als Schenkung in das Museum Folkwang nach Essen.
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EssenGanz hinten im Essener Museum Folkwang führt eine Treppe hinunter in eine exotische Welt – fern aller Folklore. Eine Installation aus Ton- und Filmsequenzen erzählt vom Leben der Yanomami am Oberlauf des Orinoco in den Wäldern zwischen Venezuela und Brasilien. Es ist ein beschwerlicher Alltag, den der damals 34jährige Lothar Baumgarten 1978/79 mit ihnen teilte. Dieses Abenteuer ließ den Künstler nie mehr los. Das Filmmaterial lag 33 Jahre im Schrank, weil Kopien zu teuer waren. Jetzt sind sie Teil der Schenkung, die Baumgarten und seine Frau der Stiftung für das Museum machten.

Der Dialog zwischen europäischen und außereuropäischen Kulturen gehört für das Museum Folkwang zu den „Hausaufgaben“. Der Begründer der Sammlung, Karl Ernst Osthaus, stellte bereits 1912 in seinem Museum (damals noch in Hagen) Werke der Moderne und der sogenannten „Stammeskunst“ als gleichwertig nebeneinander aus. Dieses Erbe setzt das Museum jetzt mit der Sammlung Baumgarten/Sugai fort. Sie ist etwas Besonderes, weil ein Künstler sie zusammengetragen hat. Er tauschte mit den Yanomami Naturalien gegen ethnografische Objekte wie Speere, Pfeile und Bögen, Schnupfrohre, Feuerquirle, Schmuck aus Federn und Steinen, auch Utensilien wie geflochtene Körbe mit feinen Mustern oder Hängematten und – das ist die eigentliche Entdeckung – über 500 Zeichnungen der Yanomami, die vorher noch nie mit Bleistift und Papier in Berührung gekommen waren.

Mit einem Stipendium an den Amazonas

Dass Baumgarten seine „Schätze“ gemeinsam mit dem Architekten Lorenzo Piqueras auch inszeniert hat, ist ein Glücksfall. Für den Besucher liegen kleine Kurzführer bereit, die er mit nach Hause nehmen kann. Darin gibt der Künstler für jeden der neun Räume eine Einführung in jenen „animistischen Kosmos“, den er sich selber mühsam erobern musste.

Wie hatte das Yanomami–Abenteuer überhaupt angefangen? Warum zog es den Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie, der zeitweilig auch bei Joseph Beuys studiert und 1972 seine erste Einzelausstellung in der Düsseldorfer Avantgarde-Galerie Konrad Fischer hatte, zu den Yanomami-Indianern in die Tropen? In seinem Bewerbungsschreiben für ein Forschungsstipendium vertrat der junge Künstler die Auffassung, „dass man den eigenen kulturellen Kontext nicht reflektieren könne, ohne eine andere, noch nicht durch westliche Standards gekippte Kultur von innen heraus zu begreifen.“ Im zweiten Anlauf klappte es mit dem Stipendium.

Zur Vorbereitung auf das Yanomami-Projekt hatte sich Baumgarten 1977 fünf Monate lang in Venezuela umgesehen. 1978 wurde es ernst: “16 Tage war er unterwegs mit einem polnischen Frachter in Richtung Süden, zehn Tage den Fluss hinauf und dann noch einmal acht Stunden flussaufwärts zu den Yanomami.“ Was war für ihn das Wichtigste nach der Ankunft? „Ich habe gelernt zu gehen“. Als Nackter unter den Nackten bewegt man sich anders.

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