Museum Ludwig
Schwachstellen des Menschseins

Kasper König ertastet mit seiner letzten Ausstellung die Verletzbarkeit der Existenz. Dafür inszeniert er einen Dialog zwischen den figurativen Skulpturen der Nachkriegszeit und der zeitgenössischen Raumkunst. Der Museumdirektor schafft es, dem Betrachter viele Fragen zu stellen.
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KölnDer Ausstellungstitel „Vor dem Gesetz“ und der dazugehörige Flyer in roten Großbuchstaben „Du kommst hier nicht rein“ klingen latent bedrohlich. Sie werben für Kasper Königs letzte große Ausstellung vor seiner Pensionierung im nächsten Herbst.

Er hat dafür das gesamte lichtdurchflutete Obergeschoss leer räumen lassen, ein Terrain, das seit Eröffnung des Hauses der ständigen Sammlung vorbehalten war. Der Blick für das „humanistische Potential der Gegenwartskunst“ solle geschärft werden, hieß es in einer der Pressemitteilungen. Zentrales Thema der Schau sei „die menschliche Existenz und ihre Verletzlichkeit“. Das sind Pathosformeln, die aus dem Museum Ludwig so noch nie zu hören waren.

Liegt es an der Inspirationsquelle Franz Kafka? Der Titel „Vor dem Gesetz“ geht zurück auf Kafkas Parabel aus dem Jahr 1915. Darin bettelt ein „Mann vom Land“ um Einlass in das Gesetz, was ihm ein übermächtiger Türhüter jedoch immer wieder verweigert. Der alte Mann wird sein Leben lang vergeblich bitten. Kafka schildert das Gesetz als einen Raum, den nicht jedermann erreicht. Wer aber macht das Gesetz? Wie wäre es dem Mann nach Eintreten in das Gesetz ergangen? Wäre er vielleicht auch ein Türhüter geworden? Hätte er Freiheit gewonnen oder verloren?

Die Exklusive regiert weltweit

Die Demütigung des Einzelnen durch den Staat, seine Machtlosigkeit besonders an den Staatsgrenzen, bündelt der in Berlin lebende Andreas Siekmann (Jahrgang 1961) zu einer bildmächtigen Rauminstallation. An einer Wand lesen wir: „Neben der bisher bekannten Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative existiert eine vierte Gewalt. Es ist die Exklusive – die ausschließende Gewalt.“ Siekmann benutzt für seine Anklage meist Fotos aus dem Internet, die er mit weiteren Computerzeichnungen kombiniert. Die Exklusive regiert weltweit, an der amerikanisch-mexikanischen Grenze ebenso wie an den Rändern Europas, in Flüchtlingslagern oder Ausländerbehörden. Siekmann recherchiert das seit Jahren.

Einen Ehrenplatz im Obergeschoss räumt Kasper König dem amerikanischen Künstler Jimmie Durham (Jahrgang 1940) ein. Auch seine Installation „Building a Nation“ (2006) handelt vom Scheitern des Gesetzes. Durham, Cherokee-Indianer, hatte sich eine zeitlang für das American Indian Movement bei den Vereinigten Nationen eingesetzt. Er gab auf, weil er zu der Überzeugung gelangte, dass er mit den Mitteln der Kunst mehr bewirken konnte.

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