Museumsgründungen
Illustre Kinder ihrer Zeit

Die Alte Pinakothek in München wurde vor 175 Jahren gegründet, die Nationalgalerie in Berlin wurde vor 150 Jahren – von einem spendablen Bankier. Doppelter Ausblick auf eine spannende Geschmacksgeschichte.
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BerlinPrivatsammlungen bilden das Fundament der im 19. Jahrhundert in den deutschen Kunstzentren von München bis Hamburg entstandenen Museen. Zwei berühmte Häuser feiern jetzt mit Sonderausstellungen Geburtstag. Die Alte Pinakothek www.pinakothek.de München blickt auf die Anfänge ihrer 175-jährigen Geschichte zurück, die Alte Nationalgalerie Berlin www.smb.museum zeigt ihren vor 150 Jahren vom Konsul Wagener gestifteten Kernbestand.

Beide Ausstellungen betreiben mehr als Depotpflege. Sie öffnen ein Kapitel Sammelgeschichte mit den evidenten Geschmacksvarianten, die sich zwischen königlicher Sammellust (München) und bürgerlichem Sammeltrieb (Berlin) ergeben. Dass der Rückblick historische Stärken und Schwachstellen aufdeckt, versteht sich von selbst. Das Auge von heute urteilt anders und die Kunstgeschichte hat vieles umgewertet, was einst einen anderen Stellenwert hatte.

Vermeer versteigert

Ein Paradebeispiel für einen Geschmackswandel, der sich schon eine Generation später vollzieht, ist das Glanzstück der Münchner Schau: Jan Vermeers Gemälde „Frau mit Waage“. Es war das Juwel einer Sammlung, die König Max I. Joseph von Bayern in seinen Privaträumen in der Münchner Residenz umgab. Als diese Sammlung 1826 versteigert wurde, ließ der Gründungsdirektor der Alten Pinakothek, der Maler Johann Georg von Dillis, das meditative Werk in französischen Adelsbesitz abwandern, wo es 75 Jahre verblieb.

Dieses Sinnbild von Maß und Harmonie ist nun als Leihgabe der Washingtoner Nationalgalerie, die es seit 1942 besitzt, Mittelpunkt der Münchner Jubiläumsschau. Andere Gemälde der königlichen Sammlung, die sich fast ausschließlich auf holländische Landschaften und Genrebilder des 17. Jahrhunderts konzentrierte, wurden in besagter Auktion für die 1836 nach zehnjähriger Bauzeit eröffnete Alte Pinakothek zurückerworben.

 

Bauern-Genre gegen Madonna getauscht

Die Ausstellung im Klenze-Bau zeigt Max I. Joseph als einen Vorläufer der großbürgerlichen Sammelkultur des 19. Jahrhunderts, der die hier präsentierten zwei Dutzend Werke des „Goldenen Zeitalters“  (u.a. Jacob van Ruisdael, Phillips Wouwerman, Willem van de Velde, Ludolf Bakhuizen) näher standen als Bilder der italienischen oder spanischen Schule. Eine „Bauernfamilie“ des Amsterdamer Tiermalers Paulus Potter war dem Monarchen wichtiger als ein Madonnenbild von Jusepe de Ribera, das er im Tausch dafür abgab.

Gegen den Zeitgeist

Europas Monarchen sammelten italienische Renaissance- und Barockbilder, dazu die eleganten Gemälde des französischen Frühklassizismus. Max Josephs Sammlung in der Sammlung präsentiert sich rückblickend als ein höchst individuelles, gegen den Zeitgeist strömendes Konglomerat. Es setzt sich von den ererbten Sammlungen der kurfürstlichen Ahnen Maximilian I. und Johann Wilhelm ab, in denen die altdeutsche Malerei und der flämische Barock triumphierte. Das Interesse seines Nachfolgers Ludwig I. galt altdeutschen, altniederländischen und italienischen Gemälden von Giotto bis Tizian. Erst im 20. Jahrhundert konnten dank der Säkularisation Lücken im holländischen Bereich geschlossen werden. Doch ein Vermeer war da schon nicht mehr zu haben.

Panorama deutscher Maler

Ein völlig anderes Sammlerporträt bietet die Jubiläumsausstellung im Obergeschoss der Alten Nationalgalerie Berlin. Hier paradieren neben Hauptwerken von Caspar David Friedrich und Karl Friedrich Schinkel viele aus dem Depot ans Licht geholte Werke, die eine schon fast strategische Passion für die deutsche Nationalkunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verraten.

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