Musik-Tipp
Anti-Britney auf der Durchreise

Michelle Branch schreibt ihre Pop-Songs noch selbst. Eine Rarität in der Welt der Instant-Stars von der Casting-Couch. Deshalb gehören Musik-Promis wie Carlos Santana und Sheryl Crow zu ihren Fürsprechern. Jetzt steht die Newcomerin kurz vor dem Durchbruch.

Als ich mit Carlos Santana und Sheryl Crow zusammenarbeitete, sagten beide unabhängig voneinander etwas zu mir, was ich bis heute nicht vergessen habe: ,You’re the real deal!’“, erinnert sich die amerikanische Pop-Hoffnung Michelle Branch. Lob tut gut. Erst recht, wenn es aus berufenem Mund kommt. „Wenn Künstler von einem solchen Kaliber so etwas sagen, hilft es mir, mich auf meine Songs zu konzentrieren – nicht auf mein Alter.“

Die Sängerin ist erst 20 Jahre jung – und trotzdem schon richtig gut im Geschäft. Branchs 2001 erschienene Debüt-CD „The spirit room“ verkaufte sich in ihrer Heimat 2,5 Millionen Mal, dazu kamen vier Top-Ten-Singles. Besonders der Song „The game of love“, den sie mit Woodstock-Legende Carlos Santana einspielte, schlug ein. Erst spielten die beiden die beschwingte Nummer beim Saisonfinale im American Football, dem „Superbowl“ – was in den USA so viel Prestige bedeutet, wie im alten Europa beim Endspiel der Fußball-WM aufzutreten. Später gab es für „The game of love“ einen Grammy.

Jetzt legt Branch nach. Das neue Album „Hotel paper“, in den USA schon vor Wochen veröffentlicht, stieg auf Platz 2 in die Charts ein. Läuft also alles wie am Schnürchen für die schmale, zurückhaltende Newcomerin aus Arizona?

Nicht ganz. Durch die Casting-Ära ist die Macht der Fakten in der Welt von Rock und Pop in Frage gestellt. Am Reißbrett konstruierte Teenie-Idole wie Britney Spears oder die Gewinner von „Starsearch“ machen Sängerinnen wie Michelle Branch das Leben schwer. Wer heute in jungen Jahren oben ist, wird automatisch verdächtigt, ein weiteres Retorten-Produkt der Musik-Marketingmaschine zu sein.

Der Talentshow-Wahn hat aber auch etwas Gutes. Er lässt das Bedürfnis nach handgemachter Musik und glaubwürdigen Künstlern wachsen. Michelle Branch gibt das nette Mädchen von nebenan mit einem braven Mittelscheitel und einer Garderobe wie von H & M nur auf den ersten Blick. Bei Branch steht nicht das Image, sondern die Musik im Mittelpunkt. Und die komponiert die Anti-Britney meist selbst – auf einer richtigen Gitarre, wie damals bei Led Zeppelin und den Beatles.

Klein Michelle sang schon als Dreikäsehoch – als Geschenk für ihre Großmutter. Gesangs- und Gitarrenstunden, Schulchor und viele Auftritte folgten, bis Branch mit 17 Jahren von der Plattenindustrie entdeckt wurde. Im Januar 2001 ging’s ins Studio, um „The spirit room“ aufzunehmen – danach „war ich eigentlich kaum mal für längere Zeit zu Hause.“ Der Jungstar führt heute ein Leben auf der Durchreise.

Nebenbei entstehen dabei viele Songs. „Als die Zeit kam, eine neue CD aufzunehmen, sichtete ich, was sich angesammelt hatte: Ich hatte bereits ein komplettes Album geschrieben – in Hotels, auf Papierfetzen, während der Wartezeit vor dem nächsten Auftritt.“ Man merkt „Hotel paper“ an, wie viel zwei Jahre Lebenserfahrung in diesem Alter ausmachen. Die neuen Lieder klingen reifer. Und wo es noch hapert, halfen Erfolgsproduzenten wie John Shanks und Chris Lord-Alge, der Rocksound-Könner der Stunde, nach. Das Ergebnis ist moderner Singalong-Pop, kraftvoll und eingängig, aber immer mit Bodenhaftung.

Und Michelles Fürsprecher? Die sind natürlich auch dabei: Santanas „The game of love“ beschließt das Album, Sheryl Crow ist auf „Love me like that“ zu hören. Denn warme Worte sind schön. Aber wenn’s nicht beim Lippenbekenntnis bleiben soll, müssen Taten folgen.

Quelle: Handelsblatt

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