Musikadaption
Verlorene Rambos

Die Rockband Rammstein war bislang für Musik der brachialeren Art bekannt. Die Dresdner Sinfoniker verwandeln die Musik der Band jetzt in einen klassischen Liederzyklus. An diesem Wochenende ist Premiere

Als die Zusage endlich kam, schickte Sven Helbig von den Dresdner Sinfonikern dem Komponisten Torsten Rasch eine SMS. Zwei Worten, mehr nicht: „Deutsche Grammophon“. Rasch wusste sofort: Ein Traum war in Erfüllung gegangen. Das renommierteste Label klassischer Musik veröffentlicht das Werk, für das Helbig und er drei Jahre gekämpft hatten: „Mein Herz brennt“ – einen Zyklus von Orchesterliedern, den Rasch zu Texten und Musik der Rockband Rammstein für die Dresdner Sinfoniker geschrieben hat.

Mittlerweile ist das ungewöhnliche Projekt die Überraschung der Saison. Das Fachmagazin Fono Forum verlieh der Platte den begehrten „Stern des Monats“. Die Vorbestellungen in Deutschland lagen im fünfstelligen Bereich. Veröffentlichungen in den USA und Japan folgen. Dennoch ist „Mein Herz brennt“ ein gewagter Schritt für die noble Deutsche Grammophon.

Denn seit Rammstein 1997 groß heraus kam, gibt es Diskussionen um die Band. Denn hier ist die Provokation Prinzip. Hämmernder Elektro-Rock. Shows zwischen flammendem Inferno und Sado-Maso-Party. Verweise auf Fritz Lang, „Mad Max“ und Leni Riefenstahl. Geschichten über Inzest, Mord, Totschlag. Erzählt mit rollendem „R“. Wie damals in der Wochenschau. Die Bühne betritt der Sänger bei Konzerten oft brennend wie ein Stuntman.

Schnell standen Vorwürfe im Raum: deutschtümelnd? Oder gar rechtslastig? Sven Helbig winkt ab. „Auch Shakespeare ist nichts fremd. Doch bei einer Rockband wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt.“ Die von ihm 1996 mitbegründeten Dresdner Sinfoniker überschreiten gerne Grenzen. Nach Frank Zappa oder John McLaughlin gewinnt das Ensemble Rammstein andere Seiten ab.

Weil Helbig sich der Band nicht als Hörer, sondern als Leser näherte. Und das zunächst eher zufällig. Der 35 Jahre alte Schlagzeuger und Rammsteins Keyboarder Flake Lorenz sind Jugendfreunde. Bei einem privaten Besuch – Lorenz kochte gerade Tee – nahm Helbig eine Rammstein-CD aus dem Regal. Die Musik kannte er kaum. Er las die Texte und „war beeindruckt von der innewohnenden Kraft“ der Worte, die so gar nicht zum grellen Image der Band passte.

Torsten Rasch ging es ähnlich. Er fand in den Zeilen von Rammsteins Sänger Till Lindemann „Zweifel, Verlorenheit, die Getriebenheit eines hilflosen Individuums“. Die Anklänge an die Romantik waren offensichtlich – und Rasch der Richtige, die unbekannten Seiten Rammsteins freizulegen. Der 38-Jährige hat 30 Filme vertont. Er denkt in Bildern. Was bei Rammstein die Inszenierung bringt, legt er in die Musik. Sie schlägt den Bogen zur Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“ und den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauß, bezieht sich auf Schubert, Schönberg und die Moderne.

Rasch reizt die Möglichkeiten des von John Carew dirigierten Klangkörpers aus. Dazu kommen außergewöhnliche Stimmen. Der Bayreuth-erfahrene Grammy-Gewinner René Pape singt die lyrischen Parts. Katharina Thalbach spricht die aggressiveren Stellen. Die Schauspielerin schätzt an den Texten „die Geheimnisse, die dadrunter lauern und die immer mit einer großen Angst vor dem Verlassensein zu tun haben“ – und sie holt alles aus den Worten heraus: Die Thalbach krächzt, wimmert, lockt und fleht, dass es eine wahre Freude ist.

Mit sinfonischen Experimenten von Deep Purple bis Metallica, die die Kraft des Rock mit dem Pomp eines Orchesters potenzieren, hat „Mein Herz brennt“ nichts zu tun. Rammsteins Vorlagen entpuppen sich: aus der hässlichen Raupe wird ein schillernder Schmetterling.

Jetzt wünscht sich Sven Helbig, dass diese Metamorphose der Diskussion um die Band eine andere Richtung gibt. Er jedenfalls hat seinen Teil dazu getan: „Einen besseren Beitrag zur Auflösung der Problematik kann man gar nicht liefern als eine tiefere Beschäftigung.“

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