Musikpsychologe im Interview
„Schlager ist der Wunsch nach heiler Welt“

Der Mann ist der Bösewicht, die Liebe das größte Ziel und zuckrig süße Worte das Allheilmittel nicht nur für Enttäuschte: Der Schlager wird salonfähig. Ein Gespräch über die Authentizität des Genres und die Kritik daran.
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Handelsblatt Online: Haben Sie eine Andrea Berg-CD im Regal?

Andreas C. Lehmann: Nein. Aber ich habe auch keine Techno- oder Hiphop-CD zu Hause.

Täuscht der Eindruck, dass der volkstümliche Schlager à la Heino, Fischer und Berg auch bei den ab 30-Jährigen mit intellektuellem Hintergrund salonfähig wird?

Dieser Eindruck täuscht sicher nicht. Der Charme liegt darin, dass die Lieder die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit bedienen. Es sind einfache Geschichten, in denen sich jeder wiederfinden kann. Sie vermitteln das Gefühl: Du bist nicht allein.

Ist diese „heile Welt“ besonders gefragt in sozial und wirtschaftlich unsicheren Zeiten, in denen sich die Menschen nach Konstanten sehnen?

So hat eine Kollegin, die Musikpädagogin Mechthild von Schoenebeck, das schon in den 90ern formuliert. Das ist zwar ein wenig durch die Alt-68er-Brille betrachtet, aber sicher Teil der Erklärung.

Der volkstümliche Schlager ist dadurch geprägt von Stereotypen. In kaum einem anderen Genre wird so viel verletzt, vergeben und verziehen…

Ja, es ist ein wiederkehrendes Schema: Die Männer sind die Bösewichte, die Frau findet sich in der selbst gewählten Opferrolle wieder, die den Mann einfach weiterlieben muss. Das ist erst mal sehr schlicht. Es ist eine Musik des kleinsten gemeinsamen Nenners.

Mangelt es dem volkstümlichen Schlager mit diesem Thema einer Art idealisierten Liebe damit nicht an Authentizität? Oder nehmen Sie etwa Andrea Berg ab, dass sie bei einem Mann bleiben würde, der sie „1000 Mal belogen“ hat, wie sie singt?

Andrea Berg ist vermutlich keine Frau, die sich das gefallen lassen würde. Aber sie singt das für die Frauen, die sich das gefallen lassen beziehungsweise gefallen lassen müssen. Authentisch wird sie dadurch, dass sie ihr Publikum ernst nimmt und mit ihm interagiert. Und sich nicht auf die Bühne stellt mit dem Gedanken „Bezahlt haben die eh alle hier und das kann mir jetzt egal sein“. Einen solchen Mangel an Authentizität bestraft das Publikum.

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„Schlager ist der Wunsch nach heiler Welt“

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„Der Backpacker würde die spanische Andrea Berg hören"

Kommentare zu " Musikpsychologe im Interview: „Schlager ist der Wunsch nach heiler Welt“"

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  • Die stereotype Choreographie von Andrea Berg, Mikro von rechts nach links, Sternenhand gen Himmel, nackte Beine sollen wohl von der Qualität der sonstigen Darbietung ablenken...
    Mähne schütteln...Lolitablick...
    Enttäuschung, Schmerz, Beziehungskisten, ausgelutschte Themen...
    Outfit aus dem Katalog "Wie verführe ich meinen Mann"...
    Wer kann sich damit identifizieren?
    Die Masse bestimmt den Geschmack. Traurig.

    H. S.

  • Es gibt keine gute und schlechte Musik, es gibt nur guten und schlechten Geschmack,gute und schlechte Menschen, gute und schlechte Autos, gute und schlechte Zeitungen sicherlich auch, gutes und schlechtes Essen natürlich, und so weiter...

  • "Täuscht der Eindruck, dass der volkstümliche Schlager à la Heino und Andrea Berg auch bei den ab 30-Jährigen mit intellektuellem Hintergrund salonfähig wird?

    Dieser Eindruck täuscht sicher nicht."
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    WIE BITTE!? Von diesem inhaltlich, insbesondere aber musikalisch seichten "Herzilein, Schmerzilein" bekommt man ja Migräne! Ich pflege einen weitgespannten Musikgeschmack von Klassikern wie Grieg und Sibelius über Heavy Metal Balladen à la "Nightwish" (die frühere Lead Sängerin Tarja singt Heino locker "an die Wand".) sowie klassischer, japanischer Musik (Shakuhachi z.B. Traumhaft!) bis hin zur Synthesizer-Musik von Jean Michel Jarre, also alles ziemlich komplexe Musik. Heino und Konsorten gehören dazu definitiv nicht, und das, obwohl ich schon deutlich über 50 bin!

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