Mythos Gegenkultur
Die Konsumrebellen haben ausgedient

Joseph Heath und Andrew Potter entlarven den Mythos linker Gegenkultur.

HB BERLIN.Verblendet und verführt, ohne kritisches Bewusstsein gehen wir durch die Welt, immer auf der Suche nach Konsum, Unterhaltung und Zerstreuung. Doch es gibt alternative Denker, die uns immer wieder vor den Gefahren des ungezügelten Kapitalismus gewarnt haben. Wir sollen Jute statt Plastik tragen, Bio statt Fast Food essen und unsere Kinder nicht in Gesamt- sondern in Waldorfschulen schicken.

Alles Quatsch!, sagen die kanadischen Autoren Joseph Heath und Andrew Potter. In ihrem Buch "Konsumrebellen" räumen sie mit dem "Mythos der Gegenkultur" gründlich auf. Heath und Potter sind angetreten, die Idee einer linken Rebellion zu entlarven. Kulturkritiker und Intellektuelle gehen seit den sechziger Jahren davon aus, dass die gesamte Kultur ein vom Kapitalismus beherrschtes, ideologisches System ist, das sich wie eine Krake weltweit ausbreitet. Es herrsche Zwang zum Konsum, der in der Massengesellschaft zu einer nie da gewesenen Konformität der Lebensverhältnisse führe. Entstanden ist daraus eine Gegenkultur, die ihre Aufgabe in der Rebellion und Zerstörung des Systems sieht.

Doch die Autoren weisen nach, dass die selbst ernannten Rebellen nie außerhalb des kapitalistischen Systems standen: "Die Gegenkultur war von Anfang an durch und durch unternehmerisch." Mit alternativen Konzepten - ob Bioprodukte oder schadstofffreie Kleidung - habe sich schon immer Geld verdienen lassen. "Noch", heißt es bei Heath und Potter lakonisch, "hat sich für jede noch so verrückte Mode ein Lieferant gefunden." Zur Gegenkultur zählen die Autoren Hippies ebenso wie Biobauern, Feministinnen und Intellektuelle wie Jean Baudrillard - alle eben, die irgendwie gegen die herrschenden Verhältnisse sind.

Die Schwarzweißmalerei dieser Konsumrebellen hat nach Ansicht der Autoren dazu geführt, dass Veränderungen innerhalb der Gesellschaft abgelehnt wurden. Da alle Regeln Ausdruck des kapitalistischen Unterdrückungssystems seien, würden die "Spielregeln demokratischer Politik" verachtet. Individualität ist für die Gegenkultur der wichtigste Ausdruck der Persönlichkeit. Der Widerstand gegen Normen wird so zu einer Befreiungstherapie für den Einzelnen - mit schlimmen Folgen für die Gesellschaft, wie Heath und Potter warnen.

"Konsumrebellen" bietet Stoff für endlose Diskussionsnächte. Es ist ein fulminantes Buch nicht ohne Schwächen. So werfen die Autoren alles in einen Topf: Platon und Freud, Underground-Bands, Alternativmedizin, Frauen- und Umweltbewegung und die sexuelle Befreiung. Mit derselben Vehemenz, mit der linke Ideologen ihre Theorien verbreiten, versuchen Heath und Potter ihre eigenen Thesen zu untermauern. Dabei vernachlässigen sie, dass viele Rebellen von einst sich längst mit dem demokratischen System arrangiert haben und darin mitarbeiten.

J. HEATH, A. POTTER: Konsumrebellen - Der Mythos der Gegenkultur Zweitausendeins, Berlin 2005, 432 Seiten, 19,90 Euro

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