Nach Absage seiner Deutschlandreise: Orhan Pamuk fliegt überraschend in die USA

Nach Absage seiner Deutschlandreise
Orhan Pamuk fliegt überraschend in die USA

Nach der Absage einer Lesereise nach Deutschland und Belgien ist der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk am Donnerstag überraschend in die USA geflogen. Eigentlich hätte Pamuk am Donnerstag die Ehrendoktorwürde der Katholischen Universität Brüssel (KUB) erhalten sollen. Er habe ein späteres Kommen zugesichert, teilte die KUB-Fakultät für Literatur laut türkischen Medienberichten mit.

HB ISTANBUL/NEW YORK/BERLIN. Der Schriftsteller habe eine Linienmaschine der Turkish Airlines nach New York bestiegen, meldete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu. In den USA wolle er Vorträge an mehreren Universitäten halten. In Deutschland war die unerwartete Absage des in seiner Heimat bedrohten, 54-jährigen Autors mit Bestürzung und deutlicher Kritik an der Türkei aufgenommen worden. In Berlin sollte Pamuk an diesem Freitag die Ehrendoktorwürde der Freien Universität erhalten und anschließend eine Lesereise durch mehrere Städte unternehmen.

Der Vizepräsident des Bundestags, Wolfgang Thierse (SPD), lastete die Absage Pamuks der politischen Lage in der Türkei an. „Die Absage zeigt, dass die Türkei offensichtlich faktisch kein Rechtsstaat ist, wie wir ihn uns wünschen und fordern“, sagte Thierse der „Berliner Zeitung“ (Donnerstag-Ausgabe). Der türkische Nationalismus habe sogar die Kraft, „dass Intellektuelle Angst davor haben, das Land zu verlassen“. In der Türkei ist Pamuk wegen kritischer Äußerungen zum Massenmord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg zur Zielscheibe von Nationalisten geworden. Ein gegen ihn eingeleiteter Prozess wegen „Herabwürdigung des Türkentums“ war vor einem Jahr eingestellt worden.

Thierse forderte wie auch mehrere Politiker der Grünen eine Abschaffung des umstrittenen Strafrechtsparagrafen 301, der für Verunglimpfung des Staates und des „Türkentums“ mehrjährige Haftstrafen vorsieht. Derartige politischen Debatten seien zwar schmerzlich für die Türkei, sagte Thierse. „Aber gerade ein Land, das nach Europa will, muss diese Diskussionen zulassen.“ Die türkische Presse nahm von der Reiseabsage Pamuks kaum Notiz. Nur vereinzelt berichteten Zeitungen in kurzen Meldungen darüber. Pamuk war auch am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die geplante Deutschlandreise sei „nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben“, sagte Michael Krüger, Chef von Pamuks deutschem Verlag Hanser (München) dem „Tagesspiegel“ (Donnerstag-Ausgabe). Dies habe ihm der Schriftsteller mitgeteilt. Er sehe sich im Moment vor allem psychisch nicht in der Lage, die Ehrendoktorwürde der FU anzunehmen und eine anschließende Lesereise zu absolvieren. „Denn er käme nicht umhin, Fragen zum Mord an seinem Freund und Kollegen Hrant Dink zu beantworten“, sagte Krüger. Der ebenfalls nach Paragraf 301 verfolgte türkisch-armenische Journalist war vor knapp zwei Wochen auf offener Straße in Istanbul ermordet worden. Einer der mutmaßlichen Anstifter hatte bei einem Gerichtstermin auch Pamuk bedroht.

Die SPD-Abgeordnete Lale Akgün vertrat die Ansicht, Pamuk habe die Deutschlandreise nicht wegen der Morddrohung abgesagt. „Er ist als Künstler müde, immer die Vorwürfe zu hören, er bekomme auf Grund seiner politischen Ansichten Preise aus Europa“, sagte Akgün der „Berliner Zeitung“. Das dürfe aber nicht dazu führen, dass er sich jetzt aus der politische Debatte zurückziehe. Die Vergabe des Nobelpreises an Pamuk hatte in seiner Heimat vor allem Missgunst und politisch-aggressive Reaktionen hervorgerufen.

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