Nachgefragt: „Ich wollte etwas schaffen, das ernst und unbeschwert ist “

Nachgefragt
„Ich wollte etwas schaffen, das ernst und unbeschwert ist “

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DüsseldorfLiu Wei schloss sein Studium 1996 ab und nahm an der epochemachenden Ausstellung „Post-Sense Sensibility“ 1999 in Peking teil. Dem ausgedienten China-Pop stellte die Schau Irrationalität und Improvisation entgegen. Inzwischen bedient sich der weltweit erfolgreiche Konzeptkünstler aller Gattungen. Den roten Faden in seinem facettenreichen Œuvre bilden Urbanisation und mediale Wirklichkeit.

Handelsblatt: Herr Liu, für die „Purple Air“-Edition für das Handelsblatt haben Sie ein rundes Format gewählt. Was bedeutet der Kreis für Sie?

Liu Wei: Der Kreis oder das Rund hat eine wichtige Bedeutung in der traditionellen chinesischen Kultur. Er steht für die Einheit, die Wiedervereinigung und das Gleichgewicht der Dinge. Er ist auch das Symbol für Ying und Yang. Zweifellos sind diese Eigenschaften in dem Werk enthalten. Doch ging es mir vorrangig darum, etwas zu schaffen, was gleichermaßen ernst und unbeschwert ist. Das Bild soll sich in den Raum einpassen wie ein Augenblick in der Realität, der uns zugleich fremd und vertraut vorkommt.

Was sollte der Kunstfreund über die traditionelle, laoistische Fabel mit dem Titel „Rote Luft aus dem Osten“ wissen?

Diese Geschichte ist nur der Ausgangspunkt für meine „Purple Air“-Serie. Die Erzählung handelt von Laotse, der, aus Asien kommend, das Gute mit sich führt und Glück und Frieden bringt. Das ist hier aber nicht das übergreifende Thema. Als ich vor vielen Jahren damit anfing, die „Purple Air“-Serie zu gestalten, wollte ich eine Realität zeigen, die einzigartig ist für Asien. Dieser Gedanke hat sich inzwischen viel differenzierter entwickelt und zusätzlich eine digitale Qualität angenommen.

Warum ist Kunst, wie Sie einmal sagten, „ein Weg, um das Leben zu verstehen“?

Kunst ist ein Weg, das Leben zu verstehen, wie es auch andere Ansätze tun. Die Kunst ist insofern einmalig, weil sie dazu in der Lage ist, die Grenzen zwischen ihr selbst und dem Leben verschwimmen zu lassen, zu reflektieren und sich zu widersetzen. Man kann sich ihrer aber auch nie ganz sicher sein.

Einige Ihrer gemalten und dreidimensionalen Werke beziehen sich auf Chinas rasend schnell wachsende Megacitys. Ist es da überhaupt noch möglich, unbeschwert durch Peking oder Schanghai zu schlendern, ohne an eine neue Arbeit zu denken?
Ich gehe selten bewusst durch eine Stadt und denke, „okay, jetzt läufst du hier durch die Stadt, dann fang mal an, dir Gedanken über neue Werke zu machen“. Eigentlich denke ich nie so. Wenn ich wieder in mein Atelier zurückkehre, habe ich meine Ideen bereits sehr lange umgewälzt.

Was verstehen Sie unter Qualität?

Alle, die wir direkt oder indirekt mit Kunst in Berührung kommen, beschäftigen sich mit der künstlerischen Qualität. Das ist einerseits ganz normal. Aber aus meiner Sicht auch ziemlich subjektiv. Es geht um das alte Dilemma, an welchem Punkt der Künstler sein geschaffenes Werk als vollendet betrachtet. Wann ist der Zeitpunkt gekommen, wo das neu geschaffene Werk eine bestimmte Qualität erreicht hat? Wann sollte der Künstler aufhören, an seinem Werk zu arbeiten? Aus Sicht des Künstlers kann der Schaffensprozess weder wissenschaftlich gemessen noch logisch begründet werden.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite zurzeit mit Büffelleder. Das Material ist mir sehr vertraut. Die Art, wie ich es verarbeite, ist scheinbar viel weniger „komplex“ als bisher. Aber ich glaube, dass diese neuen Werke genauso stark wirken, wie das, was ich in der Vergangenheit geschaffen habe. Ich finde, sie strahlen etwas Besonderes aus. Sie sind anregend und kontemplativ zugleich.

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„Mit Deutschland assoziiere ich Ordnung und große Kunst“

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