Nachgefragt: Marjane Satrapi
„Ich will Kategorien durchbrechen“

Marjane Satrapi arbeit als Comic-Zeichnerin im Iran.Im Interview spricht sie über die Lage in ihrer Heimat.

Handelsblatt: Frau Satrapi, die Welt blickt Richtung Iran. Nächste Woche wird der neue, konservative Präsident vereidigt. Wie sehen sie die Lage in ihrer Heimat?

Im Iran gibt es sieben Millionen Fanatiker, das macht 15 Prozent der Stimmberechtigten. Die wählen die Konservativen. Das wird sich nicht ändern. So ein radikales Wählerpotenzial gibt es auch in Europa. Die zusätzlichen zehn Prozent, die den Ausschlag für den Sieg von Ahmadinedschad gegeben haben, sind vor allem die Armen. Iran ist ein sehr reiches Land, vor allem jetzt, wenn der Ölpreis so hoch ist. Doch es leben immer noch sehr viele Menschen unter der Armutsgrenze. Die Leute haben einfach genug von der Ungleichheit und der Korruption. Und Ahmadinedschad hat sich mit dem Image umgeben, eben kein korrupter Politiker zu sein.

Also ist der Ausgang der Präsidentenwahlen gut?

Das weiß ich nicht. Sicher ist aber: Jetzt gibt es mehr Klarheit in der Politik. Nicht mehr das ewige Hin und Her zwischen den so genannten Reformern und Konservativen. Im Iran hat der Präsident sowieso nicht viel Macht. Am Ende entscheiden andere. Also wer immer das Amt innehat, es macht kaum einen Unterschied. Worauf es ankommt ist, dass der Iran eine Evolution durchläuft. Und niemand kann sie mehr aufhalten.

Die unaufhaltsame Entwicklung zu einer moderneren Gesellschaft?

Natürlich. Wichtig ist: Diese Evolution vollzieht sich im Iran durch die Kämpfe der unterschiedlichen Strömungen im Land und ist nicht von außen bestimmt. Ein Beispiel: In der Schah-Zeit hatten iranische Frauen zwar die kürzesten Miniröcke der Welt. Sie mussten aber als Jungfrauen in die Ehe. Sie hatten mehr äußerliche Freiheiten als heute, doch sie waren kaum gebildet. Konnten sie sich scheiden lassen und arbeiten gehen? Nein. Das hat sich geändert. Immer mehr Frauen arbeiten. Die Hälfte aller Staatsangestellten und Studenten sind Frauen. Wir haben zwar viele Rechte nicht. Aber an dem Tag, an dem wir sie erhalten, können wir sie auch nutzen.

Sind Sie eine politische Künstlerin?

Ich interessiere mich grundsätzlich nicht für Politik. Die interessiert sich aber offenbar für mich. Sie beeinflusst mein Leben, und deswegen muss ich mich für sie interessieren.

Fehlt es im Westen immer noch an Wissen über den Orient?

Durchaus. Seit ich in Europa bin, werde ich mit diesem Konzept von Orient und Okzident konfrontiert. Die Leute mögen Kategorien, die es einfach machen. Da gibt es dann Ausstellungen über so genannte ,islamische Kunst?. Aber stellen sie sich eine Ausstellung über ,christliche Kunst? vor mit Künstlern aus Peru, Island, Frankreich und Malta. Das sind alles Christen, aber was verbindet sie sonst? Ich will diese Kategorien durchbrechen.

Die Fragen stellte Thomas Wiede.

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