Nachgefragt
Sloderdijk: „Deutschland ist ein Sonderfall“

Peter Sloderdijk über die Depression in Deutschland und die Beziehungen zwischen Kapitalismus und Demokratie.

Sie beschreiben in Ihrem Buch einen "Kristallpalast", in dem auch Deutschland sitzt. Trotzdem jammern die Menschen, haben Zukunftsängste und sind verbittert.

Deutschland ist ein Sonderfall. Es schleppt Depressionsreste aus den Zeiten der Volksgemeinschaft mit sich. Deutschland wird darum immer eine dunkle Farbe ins heitere Gewimmel des kapitalistischen Welttreibhauses einmischen. Die deutsche Klimaformel lautet: mehr Sorgengase als anderswo.

Die USA unternehmen in Ihren Augen momentan den paradoxen Versuch, ihr großes Experiment zu retten, indem sie es ins Gegenteil verkehren. Ist auch Deutschland nicht in derselben Situation, den Wohlstandsstaat abzuschaffen, um ihn zu erhalten?

Weltweit gesehen zeigt sich ein neues Großmuster: Die Beziehungen zwischen Kapitalismus und Demokratie kühlen ab. Dabei entsteht ein Trend zum autoritären Kapitalismus. Klinisch rein sehen Sie dieses neue Muster in Singapur, sodann in China und Russland. Aber auch die USA sind schon infiziert, und manche europäische Länder folgen.

Können Sie das konkretisieren?

Nehmen Sie den Berlusconismus in Italien. Italien war schon immer ein Laboratorium der Moderne. Wenn es darum geht, regressive Tendenzen progressiv aufzumischen, sind die Italiener immer führend. Berlusconi ist dabei, einen autoritären Kapitalismus zum Wohlfühlen zu installieren, man kann es auch die lächelnde Repression nennen. Politik wird nicht mehr als das Bohren dicker Bretter konzipiert, sondern als tägliches Plebiszit der Stimmungen.

Woher nehmen Sie eigentlich Ihren Optimismus?

Ob ich wirklich so optimistisch bin, bezweifle ich. Aber ich glaube weiterhin an das Lernen, bei Einzelnen und Systemen. In dem Maße, wie die Menschen sinnvolle Herausforderungen erkennen, bekommen sie Lust auf ihre eigenen Kräfte.

Das Gespräch führte Edmund Schalkowski.

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