Nam June Paik
Attacke gegen den guten Geschmack

Nam June Paik malt seit 1963 mit elektronischen Wellen. Der Komponist gilt zu Recht als Vater der Medienkunst. Ihm verdankt sie einen gesellschaftsorientierten Ansatz, der Kritik mit einem Lächeln vorträgt. Das Museum Kunst Palast entdeckt die Fülle seines Werkes neu.
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DÜSSELDORF. Nietzsche sagte vor 100 Jahren ,Gott ist tot’. Ich sage jetzt: ,Papier ist tot’ – außer Toilettenpapier.“ Als Nam June Paik (1932-2006) der klassischen Zeichnung den Kampf ansagte, hatte er als Fluxus-Künstler schon zahlreiche Attacken auf den guten Geschmack geritten. Fluxus war ab 1962 ein internationales Sammelbecken progressiver Künstler, die mit Aktionen die Gattungsgrenzen zwischen Musik, Kunst und Literatur aufheben.

In „Piano Solo Concert“ für Tonbänder und zwei Klaviere macht Paik 1959 „visuelle Musik“. Denn zum Sound der Instrumente gesellt sich das Klatschen eines Hühnereis an der Galeriewand – Spott auf die älteren „Informel“-Maler – und auch das Splittern von Glas gehört dazu. Paik ist überzeugter Performance-Künstler, der schon 1961 in einem Stück von Karlheinz Stockhausen mit seiner Krawatte malt. Paik gelingt die perfekte Symbiose von asiatischer Kalligraphie und Aktionskunst.

Paik hatte in Japan Musik-, Kunstgeschichte und Philosophie studiert, bevor er 1956 nach Deutschland kam. In Köln versammelte sich damals die Avantgarde um Stockhausen und das Studio Elektronische Musik beim WDR. Hier setzt die Retrospektive ein, die das Museum Kunst Palast im Rahmen der Quadriennale und in Zusammenarbeit mit der Tate Liverpool gestemmt hat. „Germany, especially Rhineland is my artistic Heimat“, bekennt der Künstler, der von 1979 bis 1995 an der Düsseldorfer Akademie lehrt. Der „Vater der Medienkunst“ hat nicht nur viele technische Entwicklungen vorausgesehen. Ihm verdankt die Kunst auch einen gesellschaftsorientierten Ansatz, der Kritik mit einem Lächeln vorträgt.

Die kenntnisreiche Kuratorin Susanne Rennert und Jochen Saueracker, seit 1983 Assistent von Paik, betreten Neuland. Statt vor allem die marktkonformen, späten, bisweilen kitschigen Werke auszubreiten, beleuchten sie die Frühphase, die zwischen 1958 und 1963 im Rheinland ihren Anfang nimmt.

Zwischen Wuppertal, Düsseldorf, Köln und Bensberg belebt der als Komponist gestartete Grenzgänger die Kunst des Dada neu. Bei den Aktionen der Fluxus-Künstler trifft Paik Joseph Beuys. Kunst ist für beide Schamanen lebenslanges Experiment. Gerade aus dieser Zeit kann Rennert zum Teil noch nie veröffentlichtes Material ausbreiten: ein Gästebuch mit illustren Namen, Performancefotos von Manfred Leve, Reden und Briefe der Fluxus-Förderer, in denen sie überlegen, wie sie schockieren können. Denn Fluxus verlangte nach Grenzüberschreitung. Paik wollte Sex als essenziellen Teil des menschlichen Lebens in die Kunst integrieren. Das war auch das Interesse der Musikerin Charlotte Moorman, die in ihren gemeinsamen Aktionen nackt Cello spielt. Bislang wird die mutige Cellistin als Paiks Muse abgetan. Der aufschlussreiche Katalog aber erkennt in ihr die kongeniale Partnerin.

Einem breiten Publikum wurde der freundliche Koreaner als Vater der Videokunst bekannt. Schon 1963 hatte er mit Manipulationen des aktuellen Fernsehprogramms begonnen: „Das Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert – jetzt schlagen wir zurück.“ Populär sind seine „TV-Buddhas“ geworden, in denen eine Buddhaskulptur ihr auf den Bildschirm projiziertes Porträt meditiert. Das Museum Kunst Palast zeigt gleich acht Variationen von Paiks spielerisch-ironischer Aufhebung von Subjekt und Objekt.

Natürlich fehlen auch die großen Installationen aus und mit Bildschirmen nicht. Die 52 Monitore der Videowand „Internet Dream“ 1994 rhythmisieren im informativ gestalteten Kassenraum das Zappen wie eine musikalische Komposition. Munter schwimmen die kleinen „Guppy“-Fische vor den grellbunten Bildschirmen in „TV Fish“ – unbeeindruckt von den elektronischen Wellen direkt hinter ihrem Aquarium. Unter den 30 skulpturalen Werken ragt „Laser Cone“ von 1998 heraus, das zum ersten Mal aus dem Nachlass nach Deutschland kommt. In den von der Decke hängenden Stoffkegel wird von oben mit einem Laser projiziert. Der Besucher darf dem Kunstwerk quasi unter den Rock schlüpfen und sich der Farbflut ergeben. Laser war für den Künstler nach seinem Schlaganfall eine „Verbindung zu einer spirituellen Sphäre.“

Mitarbeit: Stefan Kobel

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