Neue Art der Auseinandersetzung mit der eigenen Familie
Die Enkel haben es leichter

Die Zäsur könnte man bei 2000 setzen. Seit die deutsche Gegenwartsliteratur wieder den Anschluss an die Wirklichkeit gefunden hat, erlebt die Familie eine Renaissance.

HB DÜSSELDORF. Mit dieser Entwicklung kehren auch die Traditionen, Verwerfungen und Brüche zurück, sogar das Schicksal als höhere, ordnende Instanz. Parallel zur Erweiterung des Blickwinkels weg vom Einzelnen hin zur Gruppe hat sich auch die Haltung der Erzähler geändert. Dem Gestus der Abrechnung, gelebt vor allem in den sechziger bis achtziger Jahren, folgt ein neues Verständnis der Autoren für die Generation der Eltern und Großeltern. Es ist, als hätte man einen stillschweigenden Konsens gefunden: Vertragt euch!

Nicht weniger als drei Generationsbrüche hat das eben vergangene Jahrhundert zu verzeichnen: zwei Weltkriege und die außerparlamentarische Opposition. Einmal in den sechziger Jahren angekommen, schienen Unternehmungen wie Thomas Manns Buddenbrooks undenkbar. Den Verfall einer Dynastie kann man nur aufzeigen, wenn man sich mit ihr identifiziert.

Doch wohin die Autoren der Kriegs- und Vorkriegsjahrgänge auch blickten: Sie sahen nichts als Schuld und Scham. Distanzierung und Abrechnung waren die Folge, es entstanden Werke wie Elisabeth Plessens "Mitteilung an den Adel" (1976) oder Christoph Meckels "Suchbild" (1980).

Der Akzent hat sich unübersehbar verschoben. Im vergangenen Jahr hat Wibke Bruhns (geboren 1938) ihr Buch "Meines Vaters Land" dem Vater selbst gewidmet. Zuvor hatte Uwe Timm (geboren 1940) das Wort ergriffen: "Am Beispiel meines Bruders" trägt den didaktischen Impuls der 68er-Generation noch im Titel. Doch der Erzähler übt sich in äußerster Zurückhaltung. Auch die Trauer um den älteren, gefallenen Bruder, der sich freiwillig zur SS-Totenkopf-Division gemeldet hatte, findet in dem Buch einen Ausdruck.

Die Enkel haben es leichter. Weniger hin- und hergerissen zwischen Urteil und familiärer Abhängigkeit genießen sie größere Freiheiten. Allerdings sehen sie sich mit dem bereits einsetzenden Vergessen und mit dem Schweigen in den Familien konfrontiert. Da, wo Informationen fehlen, öffnen sich ihre Werke der Fiktion. Da, wo ein Urteil anstünde, wird die Schwierigkeit des Urteilens thematisiert. Und aus all dem wird wieder Literatur, der Entstehungsprozess fließt in die Werke mit ein.

Thomas Medicus (geboren 1953) hat mit seinem stilistisch glänzenden Bericht "In den Augen meines Großvaters" den Ton vorgegeben. Exemplarisch ist auch die Sammlung "Stadt Land Krieg", herausgegeben von Tanja Dückers und Verena Carl. Die Autoren, mehrheitlich in den sechziger Jahren geboren, sind um eine eher ästhetische als historisch korrekte Aufbereitung der Vergangenheit bemüht. Sie nehmen den doppelten Schritt der Verifizierung und der Reflexion: "Dann diskutierten wir die Möglichkeit, ob jemand, der bei der SS war, kein Verbrecher sein konnte. Schließlich waren wir alle zusammen der Meinung, das könnte nur Onkel Karl selbst beantworten", schreibt Leander Scholz in seiner Kurzgeschichte "SS".

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