Neue Literatur
Das Recht auf Existenz im Jahr 2024

Leon de Winter hat mit seinem neuen Buch mehr als nur einen packenden Thriller geschrieben: In "Das Recht auf Rückkehr" malt der niederländische Schriftsteller ein düsteres Bild von der Zukunft Israels. Die Handlung zwingt den Leser, sich mit ganz elementaren Fragen der Bedrohung einer offenen Gesellschaft zu beschäftigen.
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DÜSSELDORF. Utopische Literatur und Israel gehören irgendwie zusammen. Bereits 1902 hatte Theodor Herzl mit "Altneuland" in einem utopischen Roman, der in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts spielt, seine Vision eines jüdischen Staates präsentiert. Der Begründer des politischen Zionismus skizziert darin ein prosperierendes Gemeinwesen am Mittelmeer ganz nach europäischem Muster. Genau 100 Jahre später ist die Region Schauplatz des neuen Buchs von Leon de Winter. Anders als bei Herzl sieht es dort im Jahr 2024 aber reichlich düster aus: "Das kleine jüdische Land war zu einem Stadtstaat von der Fläche Groß-Tel Avivs plus einem Sandkasten zusammengeschrumpft." Territoriale Zugeständnisse und suizidaler Terror haben dafür gesorgt, dass Israel nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Wer kann, wandert aus. Infolgedessen ist die Bevölkerung völlig überaltert und das einstige High-Tech-Wunderland nur noch als Labor für die geriatrische Medizin interessant.

Einer der wenigen, die geblieben sind, ist Bram Mannheim. Gemeinsam mit seinem Kumpel Ikki betreibt er eine Agentur, die auf das Aufspüren vermisster Kinder spezialisiert ist. Darin hat er Erfahrung, schließlich ist 16 Jahre zuvor sein eigener Sohn Bennie plötzlich verschwunden. Den mutmaßlichen Kidnapper hatte er ausfindig machen können und eigenhändig getötet. Doch inmitten der Recherchen in einem aktuellen Fall wird Tel Aviv von einem verheerenden Selbstmordanschlag erschüttert. Dieser Terrorakt stellt nicht nur das ausgeklügelte DNA-Scanner-Sicherheitssystem infrage, das die Gene von Juden und Nicht-Juden zu unterscheiden vermag, sondern wirft ein neues Licht auf die Entführung. Denn Bennie lebt und ist von radikalen Islamisten verschleppt und wie andere jüdische Kinder auch zum potenziellen Selbstmordattentäter gedrillt worden. Mit diesen genetisch perfekt getarnten Märtyrern in der Warteschleife soll der Terror einen neuen Höhepunkt erreichen.

Leon de Winter hat mehr als einen packenden Thriller geschrieben. Die Handlung zwingt den Leser, sich mit ganz elementaren Fragen der Bedrohung einer offenen Gesellschaft zu beschäftigen. Das Recht eines jeden Juden auf Rückkehr, also sich in Israel niederzulassen, ist so etwas wie die Raison d?Être des jüdischen Staates. Dem gegenüber steht die arabische Forderung nach einem Rückkehrrecht für alle Palästinenser. Doch Leon de Winters eigentliches Anliegen sind die Werte der Aufklärung. Es geht ihm, wie es sein Romanheld Bram Mannheim auf den Punkt bringt, darum, "die Liebe zum befristeten Leben im Diesseits gegen das religiöse Versprechen eines zeitlosen Jenseits zu schützen".

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