Neue politische Sachbücher
Amerikas verlorene Ideale

In den USA geben neue Bücher Aufschluss darüber, wie Republikaner und Demokraten dem Volk gegenübertreten. Autoren wie Joe Klein und Peter Beinart liefern eine spannende Bestandsaufnahme der politischen Realität, die mehr denn je von Beratern, Meinungsumfragen und Taktiken geprägt wird.

WASHINGTON. Es ist der Abend des 4. April 1968. Robert F. Kennedy, der um die demokratische Nominierung für die Präsidentschaftswahlen kämpft, ist in Indianapolis, um eine Rede zu halten. In einem Schwarzenviertel. Eine Stunde nachdem Martin Luther King in Memphis erschossen worden ist. Kennedy steht auf der Ladefläche eines Lastwagens und weiß, dass er es ist, der den Menschen dort die tragische Nachricht überbringen wird. Kennedy hat kaum Zeit, sich zu überlegen, welche Worte die beste Wirkung erzielen könnten. Kennedy sagt, was er in diesem Augenblick denkt und fühlt.

Er spricht über Schwarze und Weiße, er zitiert sein Lieblingsgedicht des griechischen Dramatikers Aischylos, und er spricht über den Hass, den eine solche Tat auslösen kann. Er spricht über den Tod seines Bruders fünf Jahre zuvor. Und er bittet die Menschen darum, jetzt nicht der Spirale von Gewalt und Hass zu verfallen. Die, die da sind, hören zu, unterbrochen wird die Rede nur vom Weinen und Schluchzen über den Tod von King. Nach ein paar Minuten endet Kennedy, und die Menge zerstreut sich. Es bleibt ruhig an diesem Abend in Indianapolis - und auch an den folgenden. In 60 anderen Städten der USA aber folgt auf die Todesnachricht eine Welle der Gewalt.

Joe Klein beschreibt diese Sequenz in seinem jüngsten Buch "Politics Lost", und sie steht stellvertretend für das ganze Thema seiner Arbeit. War Robert Kennedy an diesem Abend 1968 authentisch, ganz er selbst und dadurch überzeugend, so hat sich die amerikanische Politik von diesem Ideal bis heute dramatisch weit entfernt. Klein, selbst Journalist bei "Time Magazine" und Bestseller-Autor, schildert Präsident für Präsident den Absturz in die Trivialität. Nicht die Politiker selbst entscheiden heute mehr, was sie tun und sagen; es sind vor allem die Berater, die Meinungsumfragen, die Taktiker. Es gibt Ausnahmen, wie etwa den nahezu unberatbaren Jimmy Carter, der so oft negative Wahrheiten verkündete, dass es die Menschen nicht mehr hören konnten. Oder auch Ronald Reagan, der immer dann am besten war, wenn er nicht auf die Berater hörte. Aber die Regel ist eine andere. Etwa die, dass der Demokrat Al Gore 2000 die Präsidentschaftswahlen durchaus hätte gewinnen können, wenn er sein Kernthema, die Umwelt, ins Zentrum seiner Kampagne gestellt hätte. Stattdessen hörte er auf seine Berater und debattierte ein Potpourri von Aspekten. Was blieb, war der Eindruck eines steifen, unüberzeugten, ferngesteuerten Politikers. Gore verlor, weil die Menschen nicht mehr wussten, wofür Clintons Vize eigentlich stand - "Politics Lost".

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