Neues Grass-Buch
Geschwätziges Schweigen

Kann man Skandale planen und Empörung kalkulieren? Wie viel Inszenierungskunst steckt im Bekenntnis von Günter Grass, er sei Mitglied bei der Waffen-SS gewesen? Seit einer Woche kennt die Literaturszene kein anderes Thema mehr. Zudem erscheint diese Woche das neue Grass-Buch "Beim Häuten der Zwiebel". Das Werk ist wortgewaltig, keine Frage, doch es beantwortet wichtige Fragen nicht.

BERLIN. Der Wirbel um das Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel" ist so groß, dass der Verlag den Erscheinungstermin um zwei Wochen vorverlegt hat. Nun soll sich also jeder selbst ein Bild von diesem Günter Grass machen, der als 17-Jähriger der Waffen-SS diente. "Unwissentlich einem System eingefügt", wie er schreibt.

Fast 500 Seiten ist das Buch dick. Auf Seite 126 findet der Leser das erste Mal dieses Wort mit dem Doppel-Buchstaben. "Der Zwiebelhaut steht nichts eingeritzt, dem ein Anzeichen für Schreck oder gar Entsetzen abzulesen wäre. Eher werde ich die Waffen-SS als Eliteeinheit gesehen haben, die jeweils dann zum Einsatz kam, wenn ein Fronteinbruch abgeriegelt, ein Kessel wie der von Demjansk aufgesprengt oder Charkow zurückerobert werden musste. Die doppelte Rune am Uniformkragen war mir nicht anstößig."

Warum aber hat er dieses Thema sechs Jahrzehnte lang der Öffentlichkeit vorenthalten? Das so wortgewaltige wie geschwätzige Alterswerk - einer seiner wenigen autobiografischen Texte - gibt keine schlüssige Antwort darauf. Nur die Scham mag ihn zurückgehalten haben. Doch wer das Buch liest, weiß immerhin: Der Moralist und SPD-Wahlkämpfer, der in Romanen und Reden hartnäckig einen ehrlichen Umgang mit der deutschen Schuld eingefordert hatte, der viele mit seiner politischen Schwarz-Weiß-Malerei nervte, leidet unter seiner Jugend als Hitlerjunge und SS-Soldat.

Grass ist ein alter Mann. Im nächsten Jahr wird der in Danzig geborene Autor achtzig. Er weiß, dass die Erinnerung ein trügerisches Ding ist. Vorsichtig nähert er sich dem verführbaren Jungen von damals, der ihm heute so fremd ist.

Warum hegt dieser intelligente Schüler, der haufenweise Bücher von der Bibliothek nach Hause schleppt, der zeichnet und sich für Kunst interessiert, keine Zweifel an dem NS-Regime?

Der Junge, der mit zwölf Jahren noch gerne bei der Mutter auf dem Schoß sitzt, aber schon das Leben in dem engen Zweizimmer-Haushalt hasst, wird jäh der Kindheit entrissen, als am 1. September 1939 der Krieg ausbricht. Fünf Jahre später steckt das Schoßkind in der Waffen-SS.

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