Neuheit
Die Entdeckung des nie Dagewesenen

Historiker, Philologen und Philosophen ergründen die gar nicht selbstverständliche Gier nach dem Neuen. Bis vor einigen Jahrhunderten erschien das Alte nicht nur legitimer, sondern auch viel attraktiver.

DÜSSELDORF. „Alt!“ Kann man sich ein Werbeplakat mit diesem Wort vorstellen? Wohl kaum. In der heutigen Konsumgesellschaft gilt „alt“ als unattraktiv und „neu“ als Synonym für erstrebenswert. Ohne laufende „Innovation“ (von Lateinisch „novus“=neu) läuft bekanntlich nichts in den modernen Volkswirtschaften.

Tatsächlich jedoch ist das Feiern des Neuen in jüngster Zeit nicht mehr so selbstverständlich, wie Werbekampagnen es darstellen. Zumindest im alternden Europa scheint eher Skepsis gegenüber dem Neuen vorzuherrschen, wie der neue Doppelband „Neugier“ der Essay-Zeitschrift „Merkur“ feststellt. „In der Alten Welt überwiegen die Skeptiker die Befürworter des Fortschritts“, schreiben die Herausgeber Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel. Das Neue sei bei den „Klima- und Schöpfungsrettern“ in Misskredit geraten. Das Streben nach „Nachhaltigkeit“, Lieblingsfloskel der Gegenwart, will nicht Neues schaffen, sondern Altes bewahren.

Die grundsätzliche Bejahung des Neuen ist an die Idee des Fortschritts gebunden, an eine Sicht der Geschichte als eines zwar manchmal mühseligen, aber doch stetigen Aufstiegs der Menschheit zum Besseren. Wer wie die heutigen Europäer ahnt, dass die eigenen goldenen Zeiten vielleicht schon vorbei sein könnten, der blickt auf die anderen (zum Beispiel die Chinesen), die jenen noch entgegenstreben, schon mal mit „Zukunftsneid“, wie Jörg Lau, Redakteur der „Zeit“, schreibt.

Die Gier nach dem Neuen ist ein junges Phänomen. Die längste Zeit der Weltgeschichte war eher von dem Wunsch nach Altem geprägt. Bevor die neugierigen, expandierenden Europäer die Neuzeit einleiteten, schätzten nicht nur die nichtwestlichen Kulturen, sondern auch die Europäer selbst das Althergebrachte mehr als das Neue.

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