Neumeiers Handschrift wirkt heute härter und kantiger als am Ende der 90er Jahre
Erfolgreicher Start der Hamburger Ballett-Tage

Mit viel Applaus hat das Publikum zum Auftakt der 29. Hamburger Ballett-Tage am Sonntagabend John Neumeiers Uraufführung „Préludes CV“ belohnt. In dem zweistündigen Werk zu Musik der jungen Russin Lera Auerbach hat Hamburgs Ballettchef zwei Mal 24 kurze, choreografische Episoden und Lebensbilder miteinander verbunden.

HB/dpa HAMBURG. Das „CV“ im Titel sollte dabei für „Curriculum Vitae“, für Lebensläufe, stehen. Doch ließ Neumeier in seiner jüngsten Ballettschöpfung alles bewusst vage, fragmentarisch, splitter- und skizzenhaft. Nach seiner Choreografie von Schuberts „Winterreise“ war das eine neue, interessante Folge seiner quasi handlungslosen, doch emotionsstarken Ballettdramaturgie.

Eine fast leere Bühne, nur ein paar Glühbirnen. Gegen den eisernen Vorhang, der mit lautem Geknarre hochfährt, sind Neumeiers Startänzer bereits vergeblich angerannt. Ansonsten nichts als ein Kubus, nach vorn hin geöffnet und mit gleißenden Neonröhren gerahmt. Das ist das Gehäuse, in dem Neumeier seine Bilder der Angst, der Sehnsucht, der Beziehungsbrutalität und Isolation in Szene setzt. Lebensläufe? Wenn sich die Paare und Gruppen ineinander verkrallen, dann hat Neumeier nicht nur die Figuren des klassischen und romantischen Balletts, sondern auch seinen eigenen Formenkanon vielschichtig in Frage gestellt.

Neumeiers Handschrift wirkt heute härter und kantiger als am Ende der 90er Jahre. Sein Bewegungsvokabular, das manchem ausgereizt schien, hat neue Impulse bekommen. Das zeigte sich im ersten Teil in einer extrem ruppigen und grotesken Gangart, im zweiten Teil in einer deutlichen Öffnung der „Lebensläufe“ ins Lockere, Fließende, Witzig- Graziöse im Modern-Dance-Stil. Inspirieren ließ sich Neumeier durch die 29-jährige, in den USA lebende Russin Lera Auerbach. Ein Allroundtalent, das dichtet, komponiert und dabei keine Skrupel kennt, seine „Préludes“ (erst für Cello und Klavier, dann für Geige und Klavier) im wilden Mix der hemmungslosen Übernahmen von Bach bis Bartok mit viel schräg-verfremdeter Romantik und Leerlauf anzubieten.

Aus Neumeiers Solistenschar stach der Japaner Yukichi Hattori durch eigenwillig sportive Improvisationen hervor. Ein hochartistisches „Stehaufmännchen“ und symbolischer Träger des ewigen Lichts. Bei den Männern machten Lloyd Riggins, Carsten Jung und Ivan Urban die stärkste Figur. Hamburgs Startänzerinnen Anna Polikarpova, Laura Cazzaniga, Elisabeth Loscavio, Heather Jurgensen und Silvia Azzoni zeigten darüber hinaus, dass sie nicht nur brillant, sondern auch komisch bis zur Selbstpersiflage sein können.

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