Neumeister
Liebesspiel im Atelier

Deutsche Privatsammler greifen bei Neumeisters Moderne-Versteigerung beherzt zu und ersteigern Werke des Impressionismus und Expressionismus für fünf- und sechsstellige Summen. Den höchsten Zuschlag trägt Ernst Ludwig Kirchners Mischtechnik auf Papier, "Liebespaar", mit 205.000 Euro (ohne Aufgeld) davon.
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MÜNCHEN. Vor flächigem Hintergrund in rot und grün erfasst Ernst Ludwig Kirchner 1910 mit schnellem Strich ein Liebespaar in inniger Umarmung. Kirchner und seine Freunde der Brücke-Zeit in Dresden suchen das "gesteigerte Lebensgefühl", das sie in Briefen und Traktaten beschreiben. Die aufmüpfigen Maler finden es im Akt, in der Natur und bei lustbetonten Atelierszenen. Den Leopardenhocker, auf dem die Frau ihre Füße abstellt, kommt in etlichen Kirchner-Werken vor. Er steht für paradiesische Ursprünglichkeit, die primitive und triebhafte Natur des Menschen. Die Mischtechnik auf Papier mit der radikal vereinfachten Formensprache war eines der Highlights der Moderne Auktion am 10./11. November bei Neumeister in München und kam als eines von 49 "Ausgewählten Werken" zum Aufruf. 170.000 bis 200.000 waren für das spontan festgehaltene Paar angesetzt. Der Katalogtext vermutet, dass es sich um ein Selbstporträt des Künstlers mit seiner Muse Dodo handelt. Bei 205.000 Euro (netto) fiel der Hammer für einen bekannten Münchener Sammler, der auch die Bronzeskulptur "Kniende" von Georg Kolbe für 46.000 Euro ( Taxe 40.000 - 50.000) erwarb.

Auktionatorin Katrin Stoll konnte die 49 "Ausgewählten Werke" gut absetzen und 60 Prozent nach Anzahl der Lose verkaufen (14 Prozent unter Vorbehalt). Zwar waren noch ausreichend Plätze im Saal frei, doch die zahlreichen Telefonbieter sorgten neben den anwesenden Bietern im Saal für eine gute Quote. Vor allem Privatsammler, meist aus dem süddeutschen Raum, engagierten sich stark.

Stimmungsvoller Impressionismus

Ein bekannter griechischer Sammler ließ sich für das vibrierende Gemälde des Amerikaners Maurice Brazil Prendergast begeistern. In leuchtend hellen Tönen erfasste er um 1907 im spätimpressionistischen Stil die flirrende Stimmung eines Sommertages im Pariser Jardin du Luxembourg. 100.000 bis 150.000 waren für das Gemälde erwartet worden, 142.000 Euro bewilligte sein Agent Dimitris dafür. Gefragt war auch einer von zehn Handabzügen des "Hirten mit der großen Ziege" von Heinrich Campendonk. Der teils aquarellierte Farbholzschnitt erzielte 21.000 Euro (12.000 - 16.000). Ein heftiges Bietgefecht entfachte Lyonel Feiningers Farbstiftzeichnung der Kirche von Gelmeroda, die einen zentralen Stellenwert in Feiningers ?uvre einnimmt. Eine Münchener Händlerin im Saal hatte ebenso wie ein Telefonbieter bei 37.000 Euro das Nachsehen. Der Zuschlag ging an Rudolf Neumeister im Auftrag eins süddeutschen Sammlers (12.000 - 14.000). In dem eindringlichen Ölbild "Der Blinde" greift Karl Hofer 1941 eine frühere Fassung des Motivs von 1938 wieder auf. Ein Sammler aus den neuen Bundesländern erwarb das aus süddeutschem Privatbesitz stammende Gemälde für 52.000 Euro (50.000 - 70.000).

Zu hohe Erwartungen bremsen den Verkauf

Katrin Stoll konnte eine Reihe von Kubin-Blättern aufrufen, besonders nachgefragt waren "Der Wüstentod", der 41.000 Euro zugunsten eines Sammlers erzielte (30.000 - 40.000) und die nur 7,5 x 20,5 cm große Zeichnung "Krieg", die 10.500 Euro einspielte (3.000 - 4.000). Erfolgreich verkauft wurde auch Marino Marinis Gouache eines Reiters, deren Reiz in der malerischen Auffassung der reduzierten Grau-Schwarz-und Weißtöne liegt. Bei 61.000 Euro setzte sich ein privater Telefonbieter durch (40.000 - 50.000). Eine prächtige, farbintensive "Volute" von Theodor Werner aus dem Jahre 1950 kam auf 17.000 Euro (8.000 - 12.000), Emilio Vedovas Collage von 1964, aus der Sammlung Liebermeister kam, auf 18.000 Euro (16.000 - 20.000). Zu hohe Erwartungen waren wohl in Jonathan Meeses "Pseudomönch des netten Handwerks" aus dem Jahr 2006 gesetzt worden(45.000 - 55.000), die Verhandlungen im Nachverkauf laufen noch.

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