New Orleans zeigt uns, wie schnell die Fassade unserer gesellschaftlichen Ordnung zerfallen kann
Die Abgründe des Menschseins

Die Hurrikan-Katastrophe von New Orleans hat viele schreckliche Facetten. Die Gewalt der Natur, die plötzliche Entdeckung der versteckten Armut in der amerikanischen Gesellschaft, die Unfähigkeit des Staates, seinen Menschen zu helfen - all das hat die Berichterstattung geprägt.

HB BERLIN.Aber was vielen Menschen wohl den größten Schauer über den Rücken gejagt hat, war die Vorstellung, plötzlich aus einer sicheren, bürgerlichen Existenz in den Zustand absoluter Rechtlosigkeit und Not geworfen zu werden. Innerhalb weniger Stunden schienen in vielen überfluteten Gebieten Recht und Ordnung zu zerfallen. Die Berichte über Plünderungen, Überfälle und Morde haben daran erinnert, wie dünn unsere zivilisatorische Hülle in Wirklichkeit ist. In der Not und im existenziellen Überlebenskampf kann sich der Mensch schnell in einen Wolf verwandeln.

Kein Wunder, dass dieses Thema deshalb auch in der Literatur oft behandelt wurde. Mit erschreckender Prophetie hat etwa Paul Auster in seinem bereits 1987 erschienenen Buch "Im Land der letzten Dinge" die Situation in einer dem Untergang geweihten Großstadt beschrieben. Geschildert wird die Suche einer jungen Frau, die in dieser rechtlosen, verfallenen Welt nach ihrem Bruder sucht und um das tägliche Überleben kämpfen muss.

Ähnlich faszinierend und beklemmend ist die Schilderung des portugiesischen Schriftstellers José Saramago in "Die Stadt der Blinden". Auch er spielt anhand einer imaginären Stadt durch, wie in einem rechtsfreien Raum eine neue, informelle Ordnung etabliert wird und wie Menschen sich ausnutzen. Statt einer Naturkatastrophe wählt er als Ausgangspunkt seiner Geschichte die unheimliche, sich ausbreitende Erblindung eines Teils der Bewohner. Aus Angst pfercht die Stadtverwaltung alle Betroffenen zusammen und überlässt sie ihrem Schicksal. Saramagos Stil mit einem weitgehend absatzfreien Text und dem nahtlosen Übergang von Gedanken, direkter und indirekter Rede erfordert aufmerksames Lesen - verstärkt aber noch das Gefühl der Verlorenheit der Menschen.

Auch der Griff zu einem beklemmenden Klassiker lohnt, um in die Abgründe des menschlichen Seins zu blicken. William Golding hat in "Herr der Fliegen" das Schicksal einiger Jugendlicher beschrieben, die sich als Schiffsbrüchige auf eine einsame Insel retten. Sie organisieren sich schließlich in Gruppen, die einander bekämpfen und quälen.

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