Nichts symbolisiert den Zeitgeist so paradox wie der Stau
Wandernder Stillstand

Adieu, Reformstau! Farewell, Antragsstau! Bye-bye Planungsstau! Nix für ungut, Gefühlsstau! Ciao, Gedenkstau! Lebt wohl, Patent- und Denkstau! Einzig der gute alte Verkehrsstau wird uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben.

Wenn nicht alles täuscht, dann sind wir mal wieder Zeuge einer Zeitenwende, eines Paradigmenwechsels oder einer Epochenverschiebung. Wieder einmal ist ein Ende nah. Politisch gesehen wollen wir in diesem Sommer und Frühherbst das Ende der "Ära Stau" einläuten, die wir fortan mit geballten Bundesrats- und Bundestagsmehrheiten sowie mit der Auflösung von flächendeckenden Zuversichtsblockaden wegbürsten oder weiträumig umfahren. Abschied wollen wir nehmen von all dem Koppeldeutsch, das sich unter Rot-Grün rund ums Stauen und Blockieren gebildet hat.

Adieu, Reformstau! Farewell, Antragsstau! Bye-bye Planungsstau! Nix für ungut, Gefühlsstau! Ciao, Gedenkstau! Lebt wohl, Patent- und Denkstau!

Einzig der gute alte Verkehrsstau wird uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben, schon um der ganzen Soziologen, Psychologen und Sozialpsychologen und ihrer Forschungsprogramme willen. Denn wenig ist so wissenschaftlich durchdrungen und rechtlich vermessen wie er, der gewöhnliche Verkehrsstau. Nehmen wir die Rechtsprechung, für die stellvertretend das OLG Karlsruhe (2 Ss 216/01) beschloss: "Auch ein mehrstündiges Warten an einem Grenzübergang ist als Teilnahme am fließenden Straßenverkehr (...) anzusehen."

Staus machen närrisch. Nicht nur vor Gericht sind sie Gegenstand merkwürdig paradoxer und verwirrter Erörterungen: "Das Werk begann mit drängenden Auftakten und nachfolgendem Tempostau", tadelte die "Neue Musikzeitung" ein Sinfoniekonzert. Von einem "enormen Instandhaltungsrückstau" war in einer Versteigerungsbekanntmachung die Rede. Als Fahrzeugfluss, der sich zum absoluten Stillstand verdichte, welcher wiederum "entgegen der Fahrtrichtung mit einer Geschwindigkeit von etwa 15 Kilometer wandert", beschrieb der TÜV-Nord das Phänomen staubedingter Gegenläufigkeit.

Über "gezielte Desinformation" für Verkehrsteilnehmer denkt Professor Schreckenberg nach, er ist Stauforscher an der Universität Duisburg-Essen. Gängige Stauprognosen hätten nun mal die Eigenschaft, sich selbst sehr schnell zu zerstören, wenn sie erst einmal übermittelt sind. Könnte es also sein, dass wir demnächst mit Falschmeldungen bedacht werden, um in den richtigen Stau zu kommen? Wandernde Staus, sich zum Stillstand verdichtende Flüsse, falsche Forscherfährten, dazu allerlei Wanderbaustellen - wohin marschieren unsere Autobahnen eigentlich? Und wann drehen sie durch?

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