Nicole Morello
Zeichen auf nackter Haut

In Nicole Morellos Video lernen Künstlerbücher das Laufen. Die farbstrotzende Projektion von Zeichen auf eine Aktfigur zieht derzeit in Düsseldorf viele Passanten an.
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DüsseldorfAus doppelreihig geparkten Autos dringt harte türkische Popmusik. Internetcafés und Läden für afrikanische Lebensmittel legen hier keinen Wert auf gut gestaltete Schaufenster. Wer die Ackerstraße vom Worringer Platz kommend hoch läuft, hat es eilig. Doch seit dem Wochenende sorgt ein Kunstprojekt von Nicole Morello für Irritation und die Verlangsamung des Schritts. Mit Beginn der Dunkelheit läuft in den Atelierräumen der Mode-Designerin Vivian Hackbarth ein stummer Film-Loop, der zunächst grün in die Nacht hinausstrahlt. Der Passant, der sich vor dem Schaufenster einen Moment Zeit nimmt, taucht ein in eine geheimnisvolle Welt aus Zeichen. Doch statt theorielastiger Semiotik erwarten ihn frei erfundene Kringel und Kreise, die sich vor allem durch ihre Farbtemperatur unterscheiden, mal kühler, mal wärmer, immer dicht an dicht. Diese nonverbalen Zeichen hüllen einen wunderschönen weiblichen Akt ein, der mit dem Rücken zum Betrachter auf einem Hocker sitzt. Morello lässt die abstrakte Bildwelt über die Haut des zierlichen Modells huschen. Was die Zeichen und die Farben bedeuten, muss jeder Betrachter selbst entschlüsseln. Auch warum sie auf dem schönen Körper leuchten und im Hintergrund aber nur matt zu ahnen sind.

Bücher im Film

Nicole Morello hat sich einen Namen gemacht mit Künstlerbüchern. Spezialsammlungen in Montreal, Minnesota, Massachusetts, London, Paris, Köln und Düsseldorf haben ihre Werke angekauft. Seit einem Stipendium 2008/2009 in ihrem Heimatland Frankreich verbindet Nicole Morello die auf riesige Buchseiten gemalten Zeichen mit Film und Tänzern. Die Gattungen zu überschreiten und dadurch neue Möglichkeiten zu gewinnen, beschäftigt derzeit viele Künstler, auch die Wahl-Düsseldorferin Morello.

In dem Video „Le Carnet/Das Heft“ verharrt der schöne Akt reglos. Was sich bewegt sind allein die überblendeten Seiten aus Morellos gehefteten Büchern in einer Alloverprojektion. Da einmal nach links und dann nach rechts geblättert wird, schieben sich nach einer Weile auch die kunterbunten Schnittkanten der Seiten auf den wohlproportionierten Frauenkörper und verdrängen mit ihrem vertikalen Rhythmus die zeilenartig angeordneten Kringel. Der nonverbale Text wird zur weich fließenden Textur über der nackten Haut, der Betrachter zum Voyeur.So wie das Aktmodell sitzt, ist es eine Lesende, sein Blick ist auf die Buchseiten im Hintergrund gerichtet. „La Liseuse bedeutet im Französischen nicht nur Leserin. Es bezeichnet auch das Bettjäckchen,“ erklärt Nicole Morello mit verschmitzem Lächeln.

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Zeichen auf nackter Haut

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Zwei Arten von Textur

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