Oase wider Willen
Neun Stunden durch die Wüste bis zur Kunst

Das 2000-Seelen-Dorf Marfa in Texas ist zu einem Pilgerort der internationalen Kunstszene geworden. Die Einheimischen würden auf diesen Ruhm allerdings lieber verzichten.

MARFA. Bei Nacht sieht das hellbraune Gebäude aus wie ein Edward-Hopper-Gemälde. Sanftes gelbes Licht strahlt aus den Schaufenstern, in den Regalen stehen die Edelschuhe in Reih und Glied, auf den Markisen prangen zweimal fünf Buchstaben: „Prada“, in groß, darunter, kleiner, „Marfa“.

Aber die schicke Glastür hat keine Klinke, und der Laden wird nie einen Kunden zu sehen bekommen. Denn „Prada Marfa“ steht einsam in der texanischen Wüste, weil das Schuhgeschäft kein Schuhgeschäft ist, sondern Kunst.

Für 100 000 Dollar haben die Berliner Installationskünstler Ingar Dragset und Michael Elmgreen das Geschäft ohne Verkäufer im texanischen Marfa aufgestellt. Ihr Motto: „Ist es nicht phantastisch, dass es immer noch einige Dinge auf der Welt gibt, die man nicht mit Geld kaufen kann?“ Direkt nebenan grast eine Herde Rinder mit gewaltigen Hörnern.

Der Schein-Laden ist nur ein Beispiel, mit dem sich das 2000-Seelen-Nest Marfa einen Namen in der internationalen Kunstszene gemacht hat. Jahrzehntelang gab es hier nur schönste Texas-Klischees: endlose Weite mit gelbem Stoppelgras, Kühe und Präriehasen, zwei Straßen, eine Eisenbahnlinie, ein Highway. Bis El Paso sind es dreieinhalb Autostunden – und selbst diese 600 000-Einwohner-Stadt an der Grenze zu Mexiko halten die meisten Texaner für den Inbegriff der Einöde. Von Zeit zu Zeit verirrten sich mal ein paar Filmenthusiasten in die Gegend von Marfa. Vor mehr als 50 Jahren wurde hier der James-Dean-Film „Giganten“ gedreht.

In einer Einöde zu leben war den meisten Einheimischen ganz recht: Echte Cowboys sprechen eben nicht sonderlich viel. Und Kunst? Kunst brauchen sie ganz, ganz sicher überhaupt nicht.

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