Ob Seeed, Patrice oder Gentleman: Deutscher Reggae erobert die Festivals.
Warum nach Jamaika fahren?

Reggae ist die typische Sommermusik. Was nicht verwundert, denn die Musik kommt aus Mittelamerika, genauer gesagt aus Jamaika. Doch in Deutschland hat sich eine eigene Raggae-Szene gebildet - und die ist quicklebendig.e

Das Schöne ist: Reggae erkennt man immer, selbst mit Ohrenstöpseln und verbundenen Augen. Denn: Reggae kann man riechen. Egal, ob kleiner Keller-Club oder großes Open-Air-Festival, wenn der Bass von der Bühne wummert, dann ziehen jene süßlichen Schwaden durchs Publikum, die entstehen, wenn illegale Waren verraucht werden.

Hier allerdings enden die Klischees. Wenn sich auf den sommerlichen Festivals Zehntausende von Menschen versammeln, dann sind die Zeiten von „Sunshine Reggae“ und „Al La La La La Long“ endgültig vorbei. Reggae und seine Brüder sind in Deutschland keine sommerlichen Hit-Importe mit Exotenbonus mehr. Das betrifft auch den elektronischen Dancehall, der dem Rap verwandt ist, und die reduzierten Rhythmus-Experimente des Dub.

Denn hier zu Lande hat sich eine lebendige Szene entwickelt, die zuerst die Traditionen aus Jamaika pflegte und die Genre-Regeln dann so geschickt auf bundesrepublikanische Wirklichkeiten übertrug, dass sich auch der kommerzielle Erfolg einstellte. Bob Marley ist tot, es lebe der deutsche Reggae.

Alles begann in den frühen neunziger Jahren: Gruppen wie Silly Walks aus Hamburg, Pow Pow Movement aus Köln oder Concrete Jungle aus Berlin mussten sich zwar schon aus klimatischen Gründen meist in geschlossene Räume zurückziehen. Aber die Saat war gelegt. In den großen Städten der Republik ist es nun kein Problem mehr, jede Nacht der Woche im Reggae-Rhythmus zu verbringen.

Aus einem eher traditionalistischen Ansatz entwickelte sich schnell Neues. Denn es versammeln sich nicht mehr nur eingefleischte Reggae-Anhänger, sondern zunehmend auch eher hedonistisch veranlagte Mitglieder von Dritte-Welt-Komitees, von der Kommerzialisierung des Rap enttäuschte Hip-Hop-Fans und nicht zuletzt einfach Vergnügungssüchtige. Schließlich transportiert der Rhythmus immer noch Sommer, Sonne, Strand und Kiffer-Seligkeit.

Parallel entstand ein funktionierendes Netz aus Plattenfirmen, Magazinen und Clubs. Und die erfolgreichsten Künstler aus deutschen Landen begannen die aus der Karibik importierten Klischees mit mitteleuropäischer Mentalität zu kombinieren.

So sehr hat sich die Bewegung mittlerweile emanzipiert, dass homophobe und frauenfeindliche Tendenzen bei den jamaikanischen Originalen hier zu Lande kontrovers diskutiert werden und schon mancher Auftritt eines Stars aus Jamaika von lokalen Schwulenaktivisten verhindert wurde.

Unbedingt vonnöten sind die Gastspiele nicht mehr. Schließlich sind längst nationale Stars herangewachsen: Das elfköpfige Live-Ereignis Seeed benutzte einen verwegenen Sprachmischmasch, um in „Dickes B“ seine Heimatstadt Berlin zu besingen, und gewann anschließend zwei Mal den Musikpreis Echo. Der Künstler Patrice wurde dank charismatischer Bühnenpräsenz und seiner Qualitäten als Sänger und Autor zum zweitberühmtesten Sohn Kerpens – nach Michael Schumacher.

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