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„Old Boy“: Rache-Drama aus Südkorea im Geiste Tarantinos

Wenn ein Film beim Festival von Cannes den Großen Preis einer Jury unter Vorsitz von Quentin Tarantino erhält, muss er etwas besonderes sein. Beim diesjährigen Preisträger, dem südkoreanischen Rache-Thriller „Old Boy“, würde schon die Geschichte einen Hitchcock neidisch machen.

dpa HAMBURG. Wenn ein Film beim Festival von Cannes den Großen Preis einer Jury unter Vorsitz von Quentin Tarantino erhält, muss er etwas besonderes sein. Beim diesjährigen Preisträger, dem südkoreanischen Rache-Thriller „Old Boy“, würde schon die Geschichte einen Hitchcock neidisch machen.

Ein Mann wird auf offener Straße verschleppt und für 15 Jahre in ein Verließ gesteckt - ohne Erklärung, ohne auch nur ein Wort. Dann wird er ebenso überraschend freigelassen und in einem teuflischen Spiel fordert sein Peiniger ihn am Telefon auf, selbst herauszufinden, wer ihm das warum angetan hat.

Diese verrückte, fesselnde Story basiert auf einem gleichnamigen Manga-Comic und wurde von Regisseur Park Chan-wook in grausamer Schönheit inszeniert. „Old Boy“ kann mitunter sehr ungemütlich sein. Wer nicht mit Ansehen kann, wie lebendige Tintenfische verspeist, Zähne mit dem Hammer herausgebrochen oder Hände abgeschnitten werden, sollte sich einen anderen Film suchen. Allerdings sind dies nur brutale Ausschweifungen eines beherzt und bildgewaltig erzählten Dramas.

Als er gekidnappt wird, ist Oh Dae-su eher ein harmloser Tunichtgut. Am 8. Geburtstag seiner Tochter landet er zunächst betrunken im Polizeirevier, und auf dem Heimweg wird er entführt und in eine Zelle eingesperrt, die wie ein billiges Hotelzimmer aussieht. Die einzigen menschlichen Stimmen, die er hört, kommen aus dem Fernseher. Aus ihm erfährt er auch, dass seine Frau brutal ermordet wurde und er der Hauptverdächtige ist.

Die Jahre vergehen, Oh Dae-su stählt seinen Körper, wird im Geist immer verbitterter, und Rache wird zu seinem einzigen Lebensinhalt. Eines Tages findet er sich genau an der Stelle wieder, von der er entführt wurde - es beginnt eine packende und tragische Jagd, kontrastreich unterlegt mit einer opulenten Filmmusik im Walzertakt.

„Old Boy“ glänzt mit einer Mischung aus moderner, rasanter Erzählsprache und traditionellen fernöstlichen Themen wie Gewalt, Zweikampf und Ehre. Gewalt bleibt aber das Leitmotiv. Sie ist Oh Dae-sus Lebenselixier, Befreiung, Linderung, die universelle Lösung. Das Thema beschäftigt den Regisseur zutiefst. „Während die moderne Gesellschaft den Menschen mit immer mehr Wut erfüllt, gibt sie ihm zugleich immer weniger Kanäle, um diese Wut herauszulassen“, sagte er in einem Interview. „Das ist eine ungesunde Situation. Vermutlich ist das der Grund, warum es Kunst gibt.“ Seine Helden seien Leute, die die Verantwortung für ihre Taten auf andere abwälzen. „Im Grunde sind sie gute Menschen. Aber sie greifen zur Gewalt, um ihre Schuldgefühle zu verdrängen, das ist das Drama.“

Der Grand Prix in Cannes für „Old Boy“ kam überraschend. Es wurde spekuliert, dass eher der Hauptdarsteller Choi Min-sik, der für eine Szene vier lebende Tintenfische essen musste, ausgezeichnet wird. Der starke Druck Tarantinos soll es gewesen sein, der dem Film doch noch den Jury-Preis bescherte. Vielleicht erinnerte sich der US-Star an seinen eigenen Sieg als Außenseiter mit dem ebenso gewaltgeladenen und unkonventionellen „Pulp Fiction“ vor zehn Jahren.

Der Weg von Regisseur Park Chan-wook zur Anerkennung war steinig. Alfred Hitchcocks „Vertigo“ weckte seine Leidenschaft fürs Filmemachen. Sein erste eigener Streifen war aber 1992 ein derartiger Flop, dass er ersteinmal aufgab und Filmkritiker wurde. Erst fünf Jahre später wagte er sich an den zweiten Film, der nicht sonderlich erfolgreicher war. Dafür wurde der dritte Versuch, ein Thriller über die Grenze zwischen Nord- und Südkorea zum damals erfolgreichsten südkoreanischen Film. „Old Boy“ ist nun das fünfte Werk von Park Chan-wook und der zweite Teil einer Rache-Trilogie, in der schon der Anfang, „Sympathy for Mr. Vengeance“ von der Kritik hoch eingeschätzt wurde.

Bei „Old Boy“ waren die Kritiker dagegen gespalten. Von einem beeindruckenden Film sprachen die einen, der „Hollywood Reporter“ zum Beispiel bemängelte dagegen „eine tödliche Dosis Sadismus in einer Kafka-artigen Geschichte“. Auf jeden Fall sind die Zuschauer am Ende um eine fernöstliche Weisheit reicher: „Frauen haben warme Hände, deshalb können sie kein gutes Sushi machen.“

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