Olympia-Tragödie in München
Leben um Leben, Mord um Mord

Steven Spielberg ist ein Könner. Man mag über die Qualität seiner Filme streiten: Aber sehr oft trifft der amerikanische Filmemacher den Nerv gesellschaftlicher Debatten. Mit seinem Film über den palästinensischen Terroranschlag bei den Olympischen Spielen in München 1972 und die folgende israelische Antwort ist ihm dies erneut gelungen. Entsprechend heftig fallen weltweit Kritik und Zustimmung aus.

HB BERLIN. Denn die Auseinandersetzung mit der Frage des politischen Terrors hat neue Brisanz bekommen. Nicht nur, dass in Deutschland wegen der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft die Nervosität steigt. Entscheidender für die heftige Reaktion ist, dass seit dem 11. September 2001 der Einsatz staatlicher Gewalt als Antwort auf Terroristen nicht mehr nur im israelisch-palästinensischen Konflikt diskutiert wird. Zudem wachsen wieder Zweifel, ob der "gute" staatliche Gegenterror von Demokratien ein geeignetes Mittel gegen den "schlechten" Terror ist - gerade angesichts des Erfolges von Hamas bei den palästinensischen Wahlen.

Wer für die Debatte nicht nur den Film sehen möchte, findet reichlich Literatur. Teilweise haben Verlage dabei aber "nur" alte Titel neu aufgelegt. Die beste Darstellung sowohl des Münchener Anschlags wie auch seiner Folgen bietet der amerikanische Journalist Simon Reeve. Die Neuauflage seines bereits im Jahr 2000 erschienenen Buches "One Day in September" hat er mit einem Epilog versehen, der die Ereignisse in einen größeren Kontext stellt. Reeve sieht München dabei als "den Beginn der modernen Ära des internationalen Terrorismus" mit spektakulären Anschlägen, den "11.9. der Siebziger".

Grundlage seiner Arbeit sind zahlreiche Interviews mit Betroffenen. Die Hälfte des Buches ist einer minutiösen Beschreibung der Ereignisse in München gewidmet, die andere den israelischen Vergeltungsschlägen unter dem Codenamen "Faust Gottes". Gerade weil Reeve relativ nüchtern schreibt, wirkt übrigens das dilettantische Vorgehen der deutschen Behörden (damals unter Innenminister Hans-Dietrich Genscher) umso erschütternder.

Ende 2005 ist zudem ein ähnlich angelegtes Buch von Aaron Klein erschienen. Der Dozent aus Jerusalem schildert das Thema stärker aus israelischer Sicht. Dabei beschreibt er etwa die Abwägungen in der damaligen Regierung Golda Meirs, ob man zum Mittel der Gegenattentate schreiten sollte. Auch auf die Fehlschläge wie die versehentliche Ermordung eines marokkanischen Kellners im norwegischen Lillehammer durch die Israelis im Juli 1973 geht er ein. Wie Reeve hat Klein für sein Buch Geheimdienst- und Regierungsmitarbeiter befragt. Beide vermitteln mit dem Stilmittel direkter Rede den Eindruck, die beschriebenen Dialoge seien authentisch. Wie bei allen Büchern über Geheimdienste sollte man sich deshalb bei der Lektüre eine Grundskepsis bewahren.

Diese ist besonders nötig, wenn man die direkte Anlehnung an Spielbergs Film sucht und sich dafür das umstrittene Buch des kanadischen Journalisten George Jonas vornimmt. "Vengeance", in der deutschen Ausgabe seltsamerweise jetzt mit "Schwarzer September" übersetzt, schildert das angebliche Leben des Leiters der damaligen israelischen "Rache"-Einheit, die in den folgenden Jahren ein Dutzend Palästinenser liquidierte. Dumm ist nur, dass Jonas? Hauptquelle Yuval Aviv in Wirklichkeit nicht der wahre Leiter der Einheit, sondern ein Wachmann der israelischen Fluggesellschaft El Al in New York gewesen sein soll. Das personalisierte Werk dürfte also Fiktion sein - auch wenn es die israelischen Killerkommandos sehr wohl gab. Um zu begreifen, wie es überhaupt zu einer Aktion wie der "Faust Gottes" kommen konnte, hilft ein Blick in die Geschichte der israelischen Geheimdienste. Hier sei das Buch von Black und Morris empfohlen. Es liefert eine relativ umfassende und analytische Darstellung der Aktivitäten der verschiedenen Geheimdienste des jüdischen Staates. Und es hilft zu verstehen, wie sehr Israel für sein Überleben immer auf Aktivitäten im Graubereich angewiesen war und ist. Der frühere Mossad-Agent Victor Ostrovsky beschreibt die Geschichte seines ehemaligen Arbeitgebers dagegen stärker aus der Innenperspektive - mit der damit verbundenen stärkeren Neigung zu Verschwörungstheorien.

Der größere Blick ist wichtig, um im Zusammenhang des Anschlags in München und der israelischen Reaktion zwei entscheidende Aspekte zu verstehen. Zum einen gab es im Nahen Osten eine jahrzehntelange Kontinuität des Mordens und Gegenmordens - nur verlagerte sich der Schauplatz zeitweise nach Europa.

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