Otto Wols
Vor der Schlacht um Wols

In Paris kommen Wols-Arbeiten im Wert von 5 Millionen Euro zur Auktion. Unterdessen verhandeln die Erben um eine Schenkung an das Centre Pompidou. Dahinter stehen erbschaftssteuerliche Ansprüche des Staates.
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ParisEin Freudenfest steht Wols-Sammlern ins Haus. Am 15. Juni kommen in Paris im Hotel Drouot 162 Werke und Dokumente des Malers, Dichters und Fotografen in Paris zur Auktion. Ausgeboten wird die aus dem Nachlass stammende Tranche von zwei Auktionatoren, Denis Antoine (Versteigerungshaus Aponem) und Sophie Renard.

Alfred Wolfgang Otto Schulze, genannt Wols (1913-1951), war verheiratet mit Gréty Wols. Nach dem Tod des Künstlers heiratete die Witwe Marc Johannès, dem sie die undatierten und niemals betitelten Arbeiten vermachte. Marc Johannès vererbte sie seinerseits weiter. Der Gesamtwert ist vorsichtig auf 5 Millionen Euro geschätzt.

Die beiden Auktionatoren sind als Liebhaber der Lyrischen Abstraktion und von Wols bekannt. Sie gestalteten einen seriös dokumentierten und aufwendigen Katalog mit sämtlichen in Farbe abgebildeten Werken. In einem Supplement-Heft beschreiben sie Wols’ Bedeutung für die Kunstgeschichte, seine Beziehung zu Schriftstellern wie Jean-Paul Sartre, André Gide und Antonin Artaud. Ebenso schildern sie das tragische Schicksal des 1913 in Berlin geborenen und seit 1933 in Frankreich in elenden materiellen Verhältnissen lebenden alkoholkranken Künstlers. Mit abgebildet sind die Aphorismen von Wols, denen der Künstler den gleichen Stellenwert zumaß wie seinen restlichen Arbeiten.

Alkoholphantasien und Kindheitsträume

Aus Wols 18 Schaffensjahren von 1933 bis 1951 sind nur rund 80 Gemälde erhalten geblieben, wovon der Auktionskatalog sieben anbietet. Dazu kommen die minuziös ausgearbeiteten Aquarelle und Zeichnungen. Bei den ersten 37 Losen handelt es sich jedoch um persönliche Erinnerungsgegenstände, Korrespondenz und Fotografien.

Der Autodidakt Wols war von den Surrealisten beeinflusst. Mit ihnen hatte ihn seine Frau Grety in Paris bekannt gemacht. Von André Breton und Philippe Soupault übernahm er die „automatische“ Zeichentechnik. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte er eine extrem gestische Maltechnik („lyrische Abstraktion“), die an Jackson Pollock erinnert. Aus dieser Schaffensphase stammt das Gemälde „Flamme“, das am 31. Mai bei Sotheby's in Paris für 1,5 Millionen Euro versteigert wurde. Die in der Drouot-Auktion angebotenen Gemälde und Aquarelle weisen dagegen meist noch figurative Elemente auf. Sie sind mit poetischen Traum- und Kindheitsmotiven, Sexual-Symbolen und Alkoholphantasien angereichert.

Auktion mit Fotoarbeiten folgt im Herbst

Die beiden Auktionatoren kündigten im Übrigen eine weitere Auktion mit den fotografischen Arbeiten von Wols während der Fotomesse Paris Photo im November an. Im Namen der Erben wollen sie auch dem französischen Staat eine umfangreiche Auswahl an Arbeiten überlassen. Das französische Gesetz ermöglicht den Erben, statt der Erbschaftssteuer Kunstwerke abzugeben („Dation“). Daran beteiligt sind das Finanz-, und Kulturministerium und – im konkreten Fall – das Museum im Centre Pompidou, das die Werke aussuchte und sich mit den Erben auf den Geldwert der „Dation“ einigen muss. Raphaele Bianchi, die „Verantwortliche für die Erwerbungen“ im Centre Pompidou, fand es dem Handelsblatt gegenüber „verfrüht“, über diese sogenannte „Dation“ zu sprechen. Obwohl der „Dations“-Antrag den Auktionatoren zufolge im Juli 2006 eingereicht wurde und die „Dation“ endlich im November 2011 rechtsgültig sein müsste.

Nach dem Abbruch der Verhandlungen der „Dation“ durch die Erben des Filmemachers Claude Berri Anfang dieses Jahres, die es vorzogen, die Kunstwerke teuer zu verkaufen und die Erbschaftssteuer zu begleichen, wäre ein weiteres Scheitern für das Centre Pompidou eine ziemliche Blamage. Da die Preise für Wols gerade hochschnellen, sind Komplikationen zu befürchten. Schließlich erzielte ein Wols-Gemälde im Februar 2011 bei Sotheby’s in London 2,6 Millionen Pfund. Seit 1996 gab es nur vier Gemälde von Wols am Markt.

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