Outsider Kunst
Fantasten an die Macht

Die Kunst von Außenseitern überzeugt mit ihrer Originalität und Kraft. Trotz hoher Qualität findet sie nur selten Eingang in die Museen. Privatsammler haben sie dagegen schon vor 100 Jahren entdeckt. Einzelne Künstler erzielen sechsstellige Preise.
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FRANKFURT. Hexen, Heilige und Gehörnte malt August Walla (1936-2001) flächendeckend auf Möbel und Wände. Bäume und Steine überzieht er mit Zeichen und Schrift. Die großen Figuren und knappen Texte in seinem umfassenden Gesamtkunstwerk entspringen Wallas eigener komplexen Mythologie. Die Gestalten sind kraftvoll und haben vermutlich das Zeug dazu, Unheil von ihm fernzuhalten. Einiges erinnert an die „Tags“ der Street Art, anderes an die Land Art.

Aloïse Corbaz (1886-1964), gen. Aloïse, dagegen zeichnet theatralische Boudoir-Szenen um eine erotisch aufgeladene, weibliche Hauptperson. Mit orangeroten Farbkreiden hat die Künstlerin sie in expressiven Schwüngen aufs Blatt gebracht. Ungezählte weibliche Brüste und Rosen ergeben ein dichtes rahmendes Ornament und lassen Aloïses Arbeiten leicht und heiter wirken.

Outsider machen Kunst, um sich selbst zu therapieren

Die Künstler sind Fantasten, Geisterseher, Autisten, kurz Außenseiter, die keine bürgerliche Existenz zu führen in der Lage sind. „Sie könnten keinen Führerschein machen“, umschrieb es der Künstler Arnulf Rainer einmal trefflich. Was Outsider Art ist, definiert Martina Weinhart, Kuratorin der ersten großen Überblicksausstellung in der Frankfurter Schirn so: „Kunst von Menschen am Rand der Gesellschaft, die nicht mit Blick auf den Betrachter geschaffen wurde, sondern als (Selbst-)Therapie.“

Bei Henry Darger (1892-1973), Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892-1982) oder Oskar Voll (1876-?) brach sich das künstlerische Talent Bahn. Nicht wegen der Behinderung, sondern ihr zum Trotz. Was sie malen, aus Computerschrott oder Wolle zu Skulpturen verdichten, ist bei unvoreingenommenem Blick nicht von der Kunst der Moderne zu unterscheiden. Denn seit dem frühen 20. Jahrhundert sucht die künstlerische Avantgarde das Akademische durch das Unmittelbare zu ersetzen, das Abgezirkelte durch das Freie, Surreale oder Enthemmte. Was Kunst ist, verhandelt jede Epoche neu. Immer aber geht es um Grenzüberschreitung und künstlerische Freiheit, um das Ungewohnte und Neue.

Jean Dubuffet entdeckte die Kreativität der Behinderten

Der Begriff Outsider Art übernimmt eine Definition, die die gesellschaftliche Randposition der Künstler im Auge hat. Roger Cardinal hatte sie gegen den älteren, von Jean Dubuffet geprägten Terminus „Art Brut“ (rohe Kunst von unverbildeten Laien) in Stellung gebracht. „Die Aktien der Intelligenz fallen. Jetzt steigen die Aktien der Lebenskraft“, hatte der Weinhändler und Künstler Dubuffet nach dem zweiten Weltkrieg kämpferisch festgestellt und für Wölfli & Co eine Lanze gebrochen.

Jeder Künstler hat in der „Weltenwandler“ genannten Schirn-Ausstellung ein eigenes, farbig abgesetztes Kabinett. Hier kann der Besucher in das Universum eines jeden nicht-akademischen Künstlers eintauchen.

Kaum bekannt sind die zarten hängenden Skulpturen von Emery Blagdon aus dem US-Staat Nebraska (1907-1986). Im Kampf gegen den in seiner Familie wütenden Krebs baute er 600 filigrane Arbeiten aus Draht und Metall. In einem Schuppen fügte er sie zu einer „Healing Machine“ zusammen.

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