Paul Adolf Seehaus
Kompromiss mit Flechtheim-Erben

Bis die Nazis an die Macht kamen, gehörte das Gemälde „Leuchtturm mit rotierenden Strahlen“ (1913) von Paul Adolf Seehaus dem jüdischen Kunsthändler Alfred Flechtheim. Heute hängt es im Kunstmuseum Bonn. Mit seinen Erben konnte das Museum jetzt eine gerechte Einigung erzielen. Sie erhalten eine Entschädigung in Höhe der Hälfte seines Marktwerts. Möglich machte es der Freundeskreis des Kunstmuseums.
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BonnEines der Hauptwerke der Rheinischen Expressionisten bleibt im Besitz des Kunstmuseums Bonn: das 1913 entstandene Gemälde „Leuchtturm mit rotierenden Strahlen“ von Paul Adolf Seehaus (1891-1919). Möglich machte es ein vorbildlicher Kompromiss mit den Erben des jüdischen Kunsthändlers und Sammlers Alfred Flechtheim, die es zurückgefordert hatten.

Die Flechtheim-Erben, vertreten durch den Marburger Rechtsanwalt Markus Stötzel, hatten im September 2009 um Rückgabe des unter den Nazis „verfolgungsbedingt entzogenen“ Bildes ersucht. Da sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen ließ, wann und wie das Bild Flechtheim oder seinen Erben möglicherweise entzogen wurde, einigte man sich auf eine Entschädigung in Höhe der Hälfte des geschätzten Marktwertes – „ohne Anerkennung einer Rechtspflicht und unter Ausschluss weiterer Ansprüche“ wie es in der gemeinsamen Erklärung des Kunstmuseums und der Erben Flechtheims heißt. Der Betrag, der nach Angaben von Museumsdirektor Stephan Berg im unteren fünfstelligen Bereich liegen soll, wird durch den Verein der Freunde des Kunstmuseums Bonn aufgebracht.

Weitere Forderungen an deutsche Museen

Werke des früh verstorbenen August Macke-Schülers Seehaus tauchen nur gelegentlich auf dem Kunstmarkt auf. Das bislang teuerste Bild, „Die roten Türme“ (1917), ersteigerte im November 2000 bei Lempertz in Köln ein Frankfurter Privatsammler für 80.000 DM oder umgerechnet 40.000 Euro (ohne Aufgeld). Im vergangenen Jahr kam ebenfalls bei Lempertz eine „Große Eifellandschaft“ von 1916 auf 26.000 Euro. Zweifellos ist der „Leuchtturm mit rotierenden Strahlen“ ein Hauptwerk des Künstlers, dessen Marktwert man sich leicht über 50.000 Euro vorstellen möchte.

Über die genaue Summe, die der Freundeskreis für Seehaus aufbringen muss, möchte man jedoch still schweigen, da weitere große deutsche Museumssammlungen mit Restitutionsforderungen der Erben Flechtheims konfrontiert sind und die Verhandlungen noch laufen. Betroffen sind die Staatlichen Museen von Berlin und München, das Von der Heydt-Museum Wuppertal, das Wallraf-Richartz-Museum in Köln und die Staatsgalerie Stuttgart.

Offene Fragen 

In Bonn ist man „froh und dankbar“, einen einvernehmlichen Weg gefunden und eine den geschichtlichen Ereignissen „gerecht werdende Lösung“ herbeigeführt zu haben, erklärte Museumsdirektor Stephan Berg. Zwei Gutachten hatte Berg in Auftrag gegeben und Nachforschungen im eigenen Haus anstellen lassen. Sie ergaben, dass sich das Gemälde spätestens seit 1919 bis März 1932 im Eigentum von Alfred Flechtheim befunden haben musste. Zwischen seiner Emigration im Sommer 1933 und 1949 befand es sich offenbar im Besitz seines früheren Mitarbeiters und Galeristen Alex Vömel. 1949 erwarb das Kunstmuseum Bonn das Bild auf einer Auktion des Stuttgarter Kunstkabinetts Ketterer.

Schwieriges Abwägen 

Ungeklärt bleibt, ob Flechtheim das Bild seinem ehemaligen Geschäftspartner Vömel, der die Düsseldorfer Flechtheim-Galerie 1933 abwickelte und rasch selber übernahm, vielleicht übereignet hatte oder in Verwahrung gab, oder ob Vömel das Bild „vielmehr wider besseren Wissens und unrechtmäßig einbehalten hatte.“ Nach alledem, und ungeachtet der offenen Fragen, erkenne das Kunstmuseum Bonn ausdrücklich das Verfolgungsschicksal Flechtheims an, heißt es in der gemeinsamen Erklärung Bonns und der Erben. „Hätte es die nationalsozialistische Gewaltherrschaft nicht gegeben, so wäre Flechtheim nicht gezwungen gewesen, Deutschland zu verlassen und hätte nach freiem Willen über sein Eigentum verfügen können.“

Deutschland hat sich nach der Washingtoner Konferenz von 1998 selbstverpflichtet, Restitutionsansprüche unbefristet zu akzeptieren und im Zweifel Moral vor Recht walten zu lassen. 1999 wurde in der sog. „Handreichung“ der zu vage formulierte Begriff „beschlagnahmt“ durch „NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“ ersetzt.

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