Philipp Freiherr von Boeselager ist der letzte lebende Verschwörer des 20. Juli 1944
Ein stiller Held

Es ist eine der Eigenarten dieses Landes, dass der Deutsche historische oder heldenhafte Taten erst mit einer beträchtlichen Zeitverzögerung als solche zu würdigen weiß. Philipp Freiherr von Boeselager hat 86 Jahre alt werden müssen, bis diese Republik sich seiner erinnerte und in Ehren verneigt. Boeselager ist der letzte noch lebende Verschwörer gegen Adolf Hitler.

Er hatte den Sprengstoff besorgt, den Claus von Stauffenberg vor 60 Jahren am 20. Juli 1944 beim gescheiterten Attentat im Führerhauptquartier Wolfsschanze detonieren ließ. Er hätte mit 1 000 Mann den Umsturz in Berlin absichern und die Nazigrößen verhaften sollen. Er verdankt sein Leben ausschließlich einem Mitverschwörer, der trotz unsäglicher Folterungen den Namen Boeselagers nicht preisgab.

Und doch brauchte es 60 Jahre, bis dieser auch in der Rückschau ungeheuerliche Mut des stillen Helden Boeselager und seiner Mitverschwörer eine zeitgeschichtliche Einordnung und die gebührende Würdigung erfährt. Zu oft, zuletzt, als ihn Bundeskanzler Gerhard Schröder zu den Feierlichkeiten in die Normandie mitnahm, sei der Widerstand als „Feigenblatt“ missbraucht worden. „Wir wollen nicht geehrt werden“, sagt Boeselager, „aber wir wollen, dass erkannt wird, dass es den Widerständlern um die Ehre Deutschlands ging.“

Das europäische Ausland ist offensichtlich weiter. „Das Interesse am deutschen Widerstand ist groß“, hat er angesichts des nahenden 60. Jahrestags des Attentats festgestellt. Mit einem bedauernden Unterton fügt er hinzu: „Größer als bei uns.“ Anfang dieses Jahres hatte die französische Europa-Ministerin Noelle Lenoir in Paris Philipp Freiherr von Boeselager zum „Offizier der Ehrenlegion“ ernannt. Dieser sagte, er nehme die Auszeichnung für jene an, „die nicht mehr sind und die gezeigt haben, dass es damals auch ein anderes Deutschland gab.“ Vier deutsche und vier französische Widerstandskämpfer waren von Lenoir an einen Tisch gebracht worden.

Wenn Boeselager davon und von den Geschehnissen um den 20. Juli 1944 erzählt, wird ein leichtes Zittern in der sonst so festen Stimme des Wehrmachtsoffiziers spürbar. Der lebhafte Tonfall und die klare Sprache weichen dann einem bedächtigen Duktus, mit dem er jedes Wort genau abwägt. Die Ereignisse sitzen immer noch sehr tief.

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