Pipilotti Rist
„Wir dürfen die Farbe nicht der Werbung überlassen“

Mit Videobildern von betörender Sinnlichkeit begeistert Pipilotti Rist seit 25 Jahren. Die aktuelle Werkschau in der Kunsthalle Mannheim legt dar, dass darin auch humorvoll vorgetragene Gesellschaftskritik liegt.
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MannheimKeine Künstlerin ihrer Generation hatte so früh so viel Erfolg wie Pipilotti Rist. Seit 1986 finden die Videoarbeiten der bald fünfzigjährigen Schweizerin die Aufmerksamkeit von Museen, Institutionen und Galerien diesseits und jenseits des Atlantiks. Für ihre Art, so humorvoll wie subversiv gesellschaftliche Tabus infrage zu stellen, wird die Frau, die den Ungehorsam schon im Namen trägt, entweder gelobt oder vehement abgelehnt.

Dass hinter dem psychedelischen Farbrausch ihrer Videos mehr steht als ein Abklatsch der MTV-Ästhetik, macht die präzise eingerichtete Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim deutlich. Unter dem programmatischen Titel „Augapfelmassage“ versammelt Kuratorin Stefanie Müller 30 Installationen mit bewegten Bildern aus 25 Jahren.

Die größte deutsche Werkschau der Künstlerin zeigt auf, dass Pipilotti – mit bürgerlichem Namen Elisabeth Charlotte – Rist einer durchrationalisierten Gesellschaft emotional aufgeladene Bilderfluten von überwältigender Schönheit und unzivilisiertem Benehmen zumuten will. Das, was alle Exponate verbindet, ist das „Sehen vor und hinter den Augendeckeln“, wie Rist im kleinen Kreis erläutert.

Die Künstlerin verarbeitet ihre inneren Bilder, ihren Traum von einer Welt im Einklang mit der Natur, befreit von Konventionen und Normen. So hat der musikalisch unterlegte Bilderrausch in der Kunsthalle Mannheim das Zeug dazu, selbst Museumsmuffel zu begeistern.

1997 wurde Pipilotti Rist schlagartig bekannt mit einer vierminütigen Zweikanalarbeit, die links eine Wohnstraße und rechts ein wogendes Blumenfeld zeigt. Protagonistin ist eine glückliche, schöne, junge Frau, die mit einer Blume aus Eisen lustvoll die Scheiben geparkter Autos zertrümmert. In „Ever Is Over All“ redet Rist keineswegs der Anarchie das Wort. Sie inszeniert vielmehr eine alle Sinne ansprechende Fabel über die Selbstzensur, über das „Sich endlich was trauen“.

Seite 1:

„Wir dürfen die Farbe nicht der Werbung überlassen“

Seite 2:

„Der Besucher soll sich sehen“

Seite 3:

„Was fühlt jemand, wenn er küsst?“

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