Plädoyer für mehr Staat
Ulrich Schäfer: Der Crash des Kapitalismus

Die Geschichte des Kapitalismus als Geschichte seiner Krisen - das ist das Buch "Der Crash" von Ulrich Schäfer (Campus-Verlag). Der Ressortleiter Wirtschaft der "Süddeutschen Zeitung" beschreibt, wie die Weltwirtschaft seit den 1920er-Jahren in immer kürzeren Abständen in Probleme geraten ist, um daraus eine Agenda für die aktuelle Lage zu entwickeln.
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DÜSSELDORF. Schäfer geht dabei vom Gegensatz zwischen den Keynesianern und Friedmans Neoliberalen aus. Er kritisiert den Liberalisierungskurs der vergangenen Jahrzehnte. Sein Buch beschreibt wesentliche Liberalisierungsschritte: Richard Nixons Aufkündigung des festen Bretton-Woods-Wechselkurssystems, Ronald Reagans Steuersenkungen, Margaret Thatchers Kampf gegen die Gewerkschaften, Helmut Kohls Privatisierungen, Gerhard Schröders Deregulierung der Finanzmärkte. Diese Schritte sind laut Schäfer mitverantwortlich für große Krisen wie die Asienkrise, den Dotcom-Crash und die aktuelle Finanzkrise.

Immer wieder zieht Schäfer auch Parallelen zur Börsenkrise 1929 und verweist auf das Buch "Der große Crash" des linksliberalen US-Ökonomen John Kenneth Galbraith. Ihm folgt er, wenn er "die kranke Gesellschaft" als eine Ursache der Instabilität nennt. Schäfer kritisiert besonders die steigende Ungleichheit bei Vermögen und Einkommen. Eine kleine Elite aus Superreichen und aus überbezahlten Managern habe sich mittlerweile von der Realität entfernt, wozu auch die ungeregelten Kapitalmärkte beigetragen hätten.

Sehr anschaulich und anekdotenreich schildert er Akteure und ihre Absichten. Dabei kommt ihm seine langjährige journalistische Erfahrung offensichtlich zugute. Wirklich neue Fakten präsentiert das Buch nicht, aber es stellt die Ereignisse in einen sinnvollen Zusammenhang und präsentiert sie plastisch. Dabei argumentiert Schäfer im Mainstream der aktuellen Diskussion über die Krisenursachen. So kommt auch er zu dem Schluss, die Krise zeige, dass der Staat wieder stärker regulierend eingreifen müsse.

Im Herbst 2008, als das Buch erscheint, sieht er das bereits in der Rettung der Finanzkonzerne, dem US-Konjunkturprogramm und den Regelungsversuchen für die Finanzmärkte bestätigt. Zudem stellt er 22 "Regeln" auf, die die internationale Politik jetzt umsetzen soll. Sie reichen von einer Kontrolle der Hedge-Fonds bis hin zu einer höheren Erbschaftsteuer. Einige Punkte sind mittlerweile unstrittig, andere - wie die Forderung nach mehr Bildungsausgaben - mögen sinnvoll sein, ergeben sich aber nicht zwingend aus der vorangehenden Analyse.

Insgesamt bietet das Buch eine sehr anschauliche Beschreibung der Probleme des Weltwirtschaftssystems - insbesondere derjenigen, die politisch angestoßen sind. Naturgemäß hat die rasante Wirtschaftskrise im vergangenen Dreivierteljahr einige Schlussfolgerungen überholt. Trotzdem bleibt die Forderung nach einem neuen, intelligenteren Gleichgewicht zwischen Friedman und Keynes, zwischen Markt und Staat aktuell. Schäfers Buch beschreibt so nicht nur die aktuelle Krise, sondern gibt auch Anlass zu Optimismus, sie überwinden zu können.

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