Politische Bücher
Lektüre für Nörgler

Dass der Bundesrepublik zumindest alle vier Jahre einmal der Puls gefühlt wird, ist mehr als verständlich und sogar wünschenswert. Wahljahre sind schließlich wichtige Weichenstellungen im Leben einer Demokratie. Da will man wissen, wo das Land steht, bevor eine neue Regierungsrunde eingeläutet wird. Gleich vier Autoren, allesamt Journalisten, haben dabei ein Grundproblem ausgemacht: Politikverdrossenheit.

BERLIN. Die Bücher zeigen aber, dass ähnliche Ansprüche zu sehr unterschiedlichen Resultaten führen können. Und zumindest drei offenbaren den unseligen Trend, dass immer mehr Journalisten Apothekern gleichen, die Patienten nicht nur den Puls messen, sondern auch noch die Behandlung übernehmen möchten. Dafür muss der Patient– also die deutsche Politik – natürlich erst einmal richtig krankgeschrieben werden.

Wie klischeehaft ein solcher Versuch geraten kann, zeigt Axel Brüggemanns gescheiterter Versuch einer Generalabrechnung mit der Politik, der Wirtschaft, den Lobbyisten und allem, was Sie ohnehin schon immer in diesem Land gestört hat. Das Volk ist gut, „die da oben“ sind schlecht, dieses Motto durchzieht das ganze Buch. Der Erkenntniswert ist gering, zumal mit Hilfe der Obama-Begeisterung ein künstlicher Kontrast zwischen einer lebendigen amerikanischen und einer langweiligen deutschen Demokratie aufgebaut wird. Während der Amtszeit von George Bush wäre das Buch wohl so nicht erschienen. Zudem überzeugen die angebotenen Rezepte nicht. So preist Brüggemann etwa den Verzicht auf Koalitionsaussagen als Mittel, wie Parteien Glaubwürdigkeit zurückgewinnen können – als ob es die Hessenwahl nie gegeben hätte.

Robin Mishra empfiehlt als ein Mittel gegen die Politikverdrossenheit die konträre Therapie: Er fordert verbindliche Aussagen, mit wem eine Partei regieren will und mit wem nicht. Ohnehin argumentiert Mishra abgewogener – nur kann sich der Büroleiter des „Rheinischen Merkurs“ nicht entscheiden, ob er nun eine Generalüberholung des Systems fordern soll oder aber die Politiker verteidigen will, mit denen er täglich zu tun hat. Auch der Titel „Wie ich lernte, die Politiker zu lieben“ und die peppigen Zwischenüberschriften können deshalb den ständigen „Einerseits, andererseits“-Eindruck bei der Lektüre nicht wettmachen.

Schon die geografische Ferne schützt den früheren Spiegel-Büroleiter Steingart vor diesem Fehler. Als Washington-Korrespondent kann er ungestraft und hart urteilen – sowohl über die Kanzlerin, ihren Herausforderer, alle Parteien und letztlich auch über das von anderen Autoren zu oft glorifizierte Wähler-Volk. Gut kommt keiner weg. Steingart will polarisieren: Das derzeitige Politiksystem beschreibt er deshalb als so überholungsbedürftig, dass er als Weckruf gleich den Wahlboykott propagiert.

Mit seinen wuchtig vorgetragenen Thesen schrammt Steingart dabei aber hart an der Kante des Polit-Populismus. Spannend, wenn auch angreifbar ist sein Buch vor allem, wenn er das Klein-Klein der gegenwärtigen Innenpolitik verlässt und den großen Wurf wagt. So versucht er kurzerhand, die deutsche Geschichte seit dem 19. Jahrhundert zu einer des ständigen Scheiterns der Parteien umzuschreiben.

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