Politische Vernunftehe
Der Rosenkrieg der Großen Koalition

Vier Jahre Große Koalition sind wie vier Jahre Vernunftehe: Die Ehepartner beginnen sich zu nerven. Mit Humor und Sprachwitz erzählen Eckart Lohse und Markus Wehner die Geschichte der Merkel-Koalition nach. Mit Charakterstudien und Reportagestücken beschreiben sie oren das Muster einer unglücklichen Beziehung.

BERLIN. Der Rosenkrieg ist in unseren modernen Zeiten vor allem als cineastisches Ehedrama bekannt. In dem gleichnamigen Hollywood-Streifen inszeniert Danny DeVito die Entscheidungsschlacht mit seiner verhassten Gattin als selbstzerstörerischen Amoklauf. Dabei stammt der Begriff des „Rosenkriegs“, der jetzt dem ersten politischen Buch über die Große Koalition den Titel gibt, ursprünglich aus der an Scharmützeln ebenfalls reichen britischen Königsgeschichte.

Ähnlich wie der quälend lange Machtkampf zwischen den Adelshäusern York und Lancaster vor 550 Jahren stellt sich den beiden Autoren Eckart Lohse und Markus Wehner heute das Miteinander oder, besser gesagt, das Gegeneinander in der Großen Koalition dar. Mit spitzer Feder und äußerst unterhaltend zeichnen die beiden Berliner Korrespondenten der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die Verwerfungen jenes schwarz-roten Regierungsbündnisses nach, das 2005 als eine Art politischer „Notgeburt“ aus den Trümmern der Schröder-Jahre entstand.

Nur allzu gern greift das Autoren-Duo Analogien zwischen politischen und menschlichen Verbindungen auf. Koalitionen sind eben keine „Liebesheiraten“, sondern „Vernunftehen“, in denen aber auch geliebt, gestritten und gehasst wird. Dieses ironische Muster gibt dem ganzen Buch eine beziehungsdynamische Struktur: Man beginnt mit der überraschenden „Zwangshochzeit“, der nach kurzen Flitterwochen wegen „Vernachlässigung ehelicher Pflichten“ schon rasch wieder die Ernüchterung folgt. Außerdem erfährt der Leser in dem mit viel Humor und Sprachwitz verfassten Polit-Psychogramm viel über das wechselseitige Verhältnis der wichtigsten Partner in diesem Berliner „Rosenkrieg“.

Köstlich lesen sich auch die Charakterstudien über die „Tasterin“ Angela Merkel, den „Alleiner“ Franz Müntefering, den „Spätzünder“ Frank-Walter Steinmeier, den „Fremden“ Kurt Beck sowie den „Ewigen“ Wolfgang Schäuble. Und natürlich darf, wie in jedem Beziehungsdrama, auch der „Verführer“ in Gestalt von Oskar Lafontaine nicht fehlen.

Die Stationen des „Rosenkriegs“ sind in Reportageform geschrieben. Das macht die oft zähen politischen Prozesse gut verständlich und spannend. Wer wissen will, wie Politik auf der menschlichen Ebene funktioniert, der muss dieses Buch lesen. Lohse und Wehner geben ihrem Leser das Gefühl, bei den vielen Fraktionssitzungen, Koalitionsrunden und Krisengesprächen mit am Tisch gesessen zu haben.

Das scheinbar mit leichter Hand Geschriebene setzt allerdings viel Recherche und vor allem Nähe zu den Protagonisten voraus. Natürlich hat man vieles schon in der Zeitung gelesen. Man merkt bei der Lektüre aber, dass die Autoren gut beobachten und „dicht dran“ sind, wie es in der Berliner Medienszene heißt.

Ob das Buch dem kleinen, aber recht ambitionierten Fackelträger-Verlag noch lange (Verkaufs)-Freuden bringt, hängt natürlich stark von der Wahl und damit von der Frage ab, ob der Rosenkrieg in die Verlängerung geht. So richtig wünscht man sich das trotz nachhaltiger Empfehlung für das Buch nun auch nicht ...

Eckart Lohse / Markus Wehner
Rosenkrieg
Fackelträger, Köln 2009,
272 Seiten, 16,95 Euro

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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