Polnische Gegenwartskunst
Der gelenkte Blick

Es ist eine Grenze und eine Geschichte, die Polen und Deutschland verbindet. Trotzdem ist das Nachbarland ein fernes geblieben. Das versuchen drei Berliner Ausstellungen zu ändern, die sich mit der zeitgenössischen Kunst Polens beschäftigen.
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BerlinBerlin entdeckt seinen Nachbarn Polen neu. Im Umfeld der großen Kunst- und Geschichtsausstellung „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre“ im Martin-Gropius-Bau www.berlinerfestspiele.de haben gleich mehrere Kunstinstitutionen Ausstellungen mit wichtigen Gegenwartskünstlern aus dem Land organisiert, das so nah liegt und für viele auch mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall immer noch so fern erscheint. Ein wichtiger Initiator für diese Polen-Offensive im Zuge der EU-Ratspräsidentschaft des Landes war das Polnische Institut in Berlin mit seinem sehr regen jungen Leiter Tomasz Dabrowski.

Nicht zuletzt dessen guten Kontakte zur Akademie der Künste ist etwa das Kulturprogramm „Blickwechsel – künstlerische Dialoge mit Polen“ zu verdanken, das an beiden Standorten der Akademie im frisch sanierten Sechziger-Jahre-Bau im Hansaviertel und am Pariser Platz eine Vielzahl an spannenden Veranstaltungen bietet. Im Mittelpunkt stehen zwei große Ausstellungen.

Unbequeme Erinnerungsarbeit

In den historisch besetzten Sälen des Akademiebaus am Pariser Platz – hier präsentierte Hitlers Stararchitekt Albert Speer dem „Führer“ seine wahnwitzigen Neubaupläne für die neue Reichshauptstadt Germania – ist jetzt der bekannte Bildhauer Miroslaw Balka als Videokünstler neu zu entdecken. Die großzügig präsentierten Arbeiten zeigen den persönlichen Zugang des Künstlers zum Thema Holocaust, über das, so erfährt der Besucher, in der polnischen Öffentlichkeit erst in den 1990er-Jahren offen debattiert wurde. Zuvor war das Gedenken an die überwiegend auf polnischem Boden vollzogene Menschenvernichtung – ähnlich wie in der DDR – auf den vermeintlich heldenhaften kommunistischen Widerstand reduziert. Die eigenen polnischen Verwicklungen durch Kollaboration, Denunziationen und den ebenso grassierenden Antisemitismus gerieten so gewollt aus dem Blick.

Balkas Annäherung ist subtil. Stille Bilder zeigen winterliche Motive aus den Lagern, die heute Gedenkstätten sind. Zu sehen sind die Duschleitungen und Duschköpfe in den Gaskammern oder ganz einfach zwei blau züngelnde Gasflammen. Das eröffnet ein weites Assoziationsfeld, von den „blauen Augen“ der NS-Täter bis zum zischelnden Gasgeräusch, das mit einem Mal gar nicht wie der heimische Gasherd, sondern äußerst beklemmend wirkt.

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