Portrait
Unschuldig und gerissen

Ihre Ausstrahlung ist geheimnisvoll, ihr Talent riesengroß. Die junge Schauspielerin Fritzi Haberlandt setzt an zum großen Karrieresprung.

Marie soll sterben. Zu diesem Zweck mordet sich ihr Geliebter Woyzeck regelrecht warm: Erst schneidet er in Michael Thalheimers eigenwilliger Inszenierung des Bühnenklassikers von Georg Büchner seinem tyrannischen Hauptmann die Kehle durch, dann seinem quälend langweiligen Arzt.

Ausgerechnet Marie aber wehrt sich. Sie verpasst dem verdutzten Amokläufer eine Ohrfeige, wie um einem dummen Jungen die Scherze auszutreiben. In dem Gesicht der Schauspielerin Fritzi Haberlandt spiegelt sich in diesem Moment eine widersprüchliche Mischung aus Entschlossenheit und Zerbrechlichkeit, aus leichtem Witz und schmerzlicher Empörung. In ihren langen Röcken in Altrosa und Weiß, mit ihrer alabasterhellen Haut und dem dunklen Haar könnte Haberlandt ein perfektes Schneewittchen abgeben. Doch der Typ des ahnungslosen Opferlamms ist sie genau nicht, eher der einer klugen Katze: zugleich entrückt und bodenständig, resolut und verträumt, verspielt und gerissen.

Mit ihrer paradoxen, geheimnisvollen Ausstrahlung könnte die 28-Jährige gefragte Theater- und Filmschauspielerin in die Fußstapfen von Ikonen wie Angela Winkler oder Barbara Sukowa treten. Die Weichen sind gestellt, seit sie der legendäre Theaterregisseur Robert Wilson von der Berliner Schauspielschule weg engagierte. In Wilsons Inszenierung „Dantons Tod“ spielte Haberlandt 1998 neben Edith Clever und Martin Wuttke. Ihre zarte junge Lucile verfällt singend dem Wahnsinn, als ihr geliebter Ehemann auf das Schafott muss. „Mutig und genau, klar und poetisch“, lobte der prominente Theatermacher Ivan Nagel ihr Spiel.

Und all das, nachdem Haberlandt überhaupt nur wegen Wilson Schauspielerin geworden war. „Eigentlich wollte ich Lehrerin oder Kindergärtnerin sein. Ich habe sogar in meinem eigenen alten Kindergarten ein Praktikum gemacht, das war toll“, erzählt die gebürtige Ostberlinerin. Doch dann sah sie als 16-Jährige am Hamburger Thalia Theater das Musical „The Black Rider“ von Wilson und Lou Reed. Nicht ein- oder zweimal: „hundertmal“. Da war es um die Kindergärtnerin in spe geschehen. Haberlandt kam an die renommierte Schauspielschule Ernst Busch in Ostberlin. Schnell gelang ihr der Sprung an die besten deutschen Bühnen – und seit der Saison 2000/2001 fest ans Thalia.

Auch im Kino erntete sie Erfolg: Bei „Kalt ist der Abendhauch“ (nach dem Roman von Ingrid Noll) erhielt Haberlandt 2001 den Bayerischen Filmpreis für ihre Hauptrolle einer weiteren Frau auf der Grenze zwischen Treuherzigkeit und Berechnung, zwischen fragiler Sehnsucht und Mordsenergie: Für ihre große Liebe (gespielt von Jungstar August Diehl) versteckt sie die Leiche ihres Ehemannes jahrelang im Keller.

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