Preisverleihung
Des Schriftstellers beißende Kritik

Während die Buchhändler optimistisch zur Leipziger Buchmesse fahren, hat der Preisträger des Leipziger Buchpreises, der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch, nachdenkliche Töne angestimmt. Er kritisierte heftig die Haltung der EU seinem Land gegenüber.

HB LEIPZIG. Juri Andruchowytsch ist schon häufig Gast der Leipziger Buchmesse gewesen. Nun, an diesem Mittwochabend, dreht sich alles um ihn. Der ukrainische Schriftsteller steht auf der Bühne des Leipziger Gewandhauses, bedankt sich zunächst für eine große literarische Auszeichnung - den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Und dann holt er aus zum Schlag gegen Günter Verheugen, den Vizepräsidenten der Europäischen Kommission.

Eine verheerende Wirkung habe Verheugen im Februar mit einem Interview ausgelöst, in dem er sich zur Zukunft des Vereinten Europas äußerte: "In 20 Jahren werden alle europäischen Länder Mitglied der EU sein - mit Ausnahme der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die heute noch nicht in der EU sind", hatte Verheugen der Tageszeitung "Die Welt" gesagt. Für den Schriftsteller aus der Ukraine untragbar: "Die Europäische Verständigung hat nicht stattgefunden."

Stattdessen habe die ukrainische Gesellschaft nun unter den Folgen der Visaaffäre zu leiden. Andruchowytsch nutzt das Forum des Gewandhauses, um auch die deutschen Intellektuellen in seine Kritik einzubeziehen: "Kein Schriftsteller, Philosoph oder Wissenschaftler, der einfach nur laut daran gezweifelt hätte, dass die ukrainische Gesellschaft wirklich durchweg aus Verbrechern und Nutten besteht, die alle ins heilige Schengengebiet eindringen wollen, um Wohlstand und Sicherheit der Alteingesessenen zu gefährden."

Andruchowytsch hat einen Namen in der deutschen Literaturszene. 2003 veröffentlichte er seine Essay-Sammlung "Das letzte Territorium". Ein Jahr später erschien sein Buch "Mein Europa", das er gemeinsam mit dem polnischen Autor Andrzej Stasiuk schrieb. Der Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman "Zwölf Ringe", der im Frühjahr 2005 auf Deutsch erschien.

Gerade wegen dieses Buchs entschied sich die Leipziger Jury dafür, Andruchowytsch auszuzeichnen. Ein Buch, das an einem abgelegenen Ort der Karpaten spielt und, so die Begründung der Jury, dem Leser die Augen für "die vergessene Mitte des Kontinents" öffnet.

Leipzig hat sich zu einem Zentrum für osteuropäische Literatur entwickelt. Großen Anteil daran hat das Literarische Colloquium Berlin, das Jahr für Jahr ein Autorenspecial auf der Leipziger Buchmesse veranstaltet. Internationale Schriftsteller verfassen Essays, die sie im "Café Europa" auf dem Messegelände vortragen. Anschließend diskutieren sie mit ihrem Publikum über die Thesen ihrer Schriftstücke, was oft zu sehr leidenschaftlichen Veranstaltungen führen kann.

Jury Andruchowytsch hat sich in der Vergangenheit auch schon an dieser einzigartigen Veranstaltung beteiligt. In diesem Jahr stammen die Autoren aus den Niederlanden, Bulgarien, Frankreich, Russland, Slowenien, Ungarn und - wie Andruchowytsch - aus der Ukraine. Sie haben ihre Arbeiten unter eine gemeinsame Überschrift gestellt: "Attraktion und Widerstände - zur Situation der EU an ihren inneren und äußeren Grenzen".

Ausgangslage für dieses Thema sei eine "scheinbar paradoxe Tatsache" gewesen, sagt Thomas Geiger, der das Autorenspecial organisiert. "Jene Länder, die nicht Mitglied in der EU sind, drängen im Regelfall darauf, Mitglied zu werden, während in den Mitgliedsländern eine gewisse Europamüdigkeit um sich greift."

Das Ergebnis sind pointierte, scharfzüngige Zwischenrufe zum alten Kontinent, vorgetragen zum Biespiel von Ales Steger. Der slowenische Autor geht in seinem Essay zwei Jahre zurück. Am 1. Mai 2004 trat Slowenien der EU bei. Ein Ereignis von großer historischer Bedeutung für das Land. Aber wer sich heute über die slowenische Grenze hinweg zur anderen Seite aufmacht, stößt schon bald gegen eine gläserne Wand, schreibt Steger: "In Haiders Kärnten und unter den faschistischen Revanchisten Triests stinkt es immer wieder nach faulen Fischen, dass der Mensch am liebsten umkehren und weit weg gehen möchte."

Steger will, dass Europa seinen Mitgliedern Freiräume lässt: "Die Schaffung eines europäischen Fundaments bedeutet Nuancen zu unterscheiden, die es in Europa gibt, seinen Rändern zu lauschen, sich an die Peripherie zu begeben."

Auch Angel Wagenstein will den Fokus der Europäer auf sein Land richten. "Der Weg sowohl Bulgariens als auch der der anderen EU-Beitrittsländer ist frei. Wenn es allen klar wird, dass nicht nur sie Europa brauchen, sondern auch Europa sie benötigt, um das Puzzle zu vollenden und das großartige Bild eines vereinten Kontinents wieder erstehen zu lassen, wird die Ehe gleichberechtigt sein."

Sein Essay zeigt, wie beißend, ironisch und manchmal zynisch die Beiträge des Autorenspecials sein können. "Viele Politiker aus dem Westen sind unerschütterlich davon überzeugt, dass der Balkan nur von finsteren Balkansubjekten bewohnt ist", schreibt Wagenstein. "Das Hauptziel dieser zweifelhaften und unrasierten Individuen ist es denselben Politikern zufolge, in den Garten Eden des oben genannten fernen Kontinents einzudringen, wo man stets eine Kleinigkeit klauen kann - am liebsten einen Mercedes."

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