Presseschau zum Literatur-Nobelpreis
Teil der türkischen Presse schäumt

Dass der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk den Literaturnobelpreis 2006 zuerkannt bekommen hat, lässt einen Teil der türkischen Presse schäumen. Die gemäßigteren Zeitungen können freilich ihren Stolz nicht verbergen, dass ein Landsmann den Preis bekommt – und die ausländische Presse will einen Weckruf für die türkische Obrigkeit vernommen haben.

Das Istanbuler Massenblatt Sabah kommentiert die Preisvergabe mit unverhohlener Verachtung, weil Pamuk das Massaker von Türken an den Armeniern ab 1915 offen kritisiert hatte: „Wirklich erfreut, wirklich glücklich können wir nicht sein. Denn wir können Pamuk nicht 'als einen von uns' ansehen. Ganz im Gegenteil sehen wir ihn als jemanden, der 'uns verkauft' und 'mit Lügen sein Volk beschuldigt' hat. Das ist noch nicht alles. Wir können in Orhan Pamuk keinen 'starken und aufrechten Homo erectus' erkennen. Wir sehen ihn als jemanden an, der nicht zu seinen Sprüchen steht, der ins Lavieren kommt, wenn er in die Ecke gedrängt wird, der 'unfähig' ist, einen intellektuellen Standpunkt mutig zu vertreten. Natürlich können Intellektuelle über die Ordnung in ihrem Land streiten. Aber nicht, indem sie ihr Volk auf diese Weise kränken.“

Weitaus freundlicher und differenzierter äußert sich die ebenfalls in Istanbul erscheinende Boulevardzeitung Hürriyet: „Auf diese Auszeichnung sollten die Türken stolz sein. Überall in der Welt sprechen jetzt viele Menschen darüber, dass ein türkischer Schriftsteller den Nobelpreis erhalten hat. Viele Menschen werden die Romane eines Autors lesen, den sie zuvor nie gelesen haben. Sie, werden uns, die Orte, wo wir leben, unsere kulturellen Werte kennen lernen. Das sollten wir zu schätzen wissen. Diese Auszeichnung bringt auch für Orhan Pamuk große Verantwortung mit sich. Jeder Schritt, den er tut, jedes Wort, das er sagt, wird künftig mit anderen Augen gesehen.“

Die liberale türkische Zeitung Radikal spielt auf die Entscheidung Frankreichs an, das Leugnen des türkischen Völkermordes an den Armeniern unter Strafe zu stellen: „So spielt das Leben. Eine Stunde nach der verdrießlichen Nachricht aus der französischen Nationalversammlung kam die gute Neuigkeit: Der Literatur-Nobelpreis ist Orhan Pamuk zuerkannt worden. Sie wissen, was diese hohe Auszeichnung bedeutet. Die Türkei wird künftig auch als das Land Orhan Pamuks angesehen werden. Alle Welt, voran die an Literatur interessierten Kreise, werden noch einmal einen aufmerksameren Blick auf die Türkei, die türkische Literatur und Orhan Pamuks Stadt Istanbul werfen. Pamuk, dem dieser vertiefte Blick auf die Türkei, Istanbul und das Leben gelungen ist, ist eine Ehre für unsere Sprache, unsere Literatur und unser Land. Vergesst den französischen Unsinn, wir können uns mit Pamuk rühmen.“

Die Schweizer Tribune de Genève analysiert: „Gestern war ein Schwarzer Tag für die türkische Obrigkeit. Während die französische Nationalversammlung ein Gesetz angenommen hat, dass die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern bestraft, hat die schwedische Jury des renommierten Nobel (-Preises) ihren Literaturpreis dem Schriftsteller Orhan Pamuk verliehen. In der Türkei hat jeder seiner Romane eine Auflage von 200 000 Exemplaren erreicht, eine herausragende Leistung für einen Autor der muslemischen Welt, der es gewagt hat, die Fatwa gegen Salman Rushdie anzuprangern. Dennoch ist er kein politischer Schriftsteller.“

Das in Belgrad erscheinende serbische Blatt Politika sieht es so: „Der Nobelpreis ist eine Anerkennung für den Schriftsteller, aber auch eine indirekte Botschaft an die Türkei, sich mit dem Genozid an den Armeniern auseinander zu setzen, von dem Pamuk als erster öffentlich gesprochen hat. Orhan Pamuk ist nicht nur der beste und berühmteste zeitgenössische türkischer Autor, sondern auch ein aufrichtiger und tapferer Kämpfer für Menschenrechte. In einem Interview hat er einmal gesagt, dass die Türkei nicht fähig sei, sich den schmerzhaften Themen seiner Geschichte zu stellen: dem Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg und der Gewalt gegenüber den Kurden in der neueren Zeit.“

Der Corriere della Sera aus Mailand erinnert an die Schwierigkeiten, in die der Preisträger in seiner Heimat geriet: „Orhan Pamuk hat im Jahr 2005 drei Jahre Haft in türkischen Gefängnissen riskiert. Angeklagt war er wegen seiner Meinung - und seit gestern ist er Literaturnobelpreisträger. Eine herrliche Entschädigung für ihn, eine gute Nachricht für alle, die betrübt beobachten, mit welcher Leichtigkeit Schriftsteller, Journalisten und Intellektuelle ihrer Wort- und Meinungsfreiheit beraubt werden. Dies ist ein Zeichen für einen neuen intoleranten und aggressiven Fanatismus, der die Freiheit als Symptom für einen korrupten Geist und die Freiheit des Wortes sogar als Zeichen für moralisches Verderben ansieht. Für diesen Fanatismus verkörpert der mit dem Nobelpreis geehrte Schriftsteller Pamuk eine Niederlage. Aber für alle anderen ist dies eine gute Nachricht.“

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