Prestigeauktion bescherte Christie’s gigantischen Umsatz
Angst, Macht und die Raumtemperatur

Jedes Jahr veranstalten die führenden Häuser Christie’s, Sotheby’s und Phillips ihre Versteigerungen moderner und zeitgenössischer Kunst in der zweiten Maiwoche. In einem Marathon aus sieben Versteigerungen wird die Größenordnung der Preise für eine ganze Branche vorgegeben.

NEW YORK. Christopher Burge steigt bei 4,5 Millionen Dollar ein. In 100 000er-Schritten versteigert Christie’s Starauktionator ein Hauptwerk der US-Kunst, Willem de Koonings kleines Gemälde „Sail Cloth“. Unaufhaltsam dreht sich die Kostenspirale für das „Segeltuch“ nach oben. Er hat Vorgebote und macht Tempo. Bei 9,3 Millionen Dollar droht der Elan der Kontrahenten zu erlahmen, Burges Stimme nimmt einen dramatisch dunklen Klang an. Bei 9,5 entspannt sie sich wieder.

Aber die Haltung des Mannes in der erhöhten Kanzel drückt aus, dass so ein gutes Bild des „Abstrakten Expressionismus“ mehr wert ist als zehn Millionen Dollar. Bei 9,9 versichert er charmant: „Wir kriegen das schon hin. Gebt mir 100 000.“ Das Publikum lacht, und die Bieter langen abermals tiefer in die Taschen.

Christie’s Expertin Laura Paulson übermittelt ihrem VIP-Kunden am Telefon die ganze Zeit die Lage im Saal. Als der Hammer bei 13,1 Millionen Dollar fällt, hat sich ihr Kunde gegen vier Mitbewerber durchgesetzt. Kurzer Applaus brandet auf. Am anderen Ende der Leitung war Sammy Ofer, der große Sammler aus Israel. Aber das lesen wir erst anderntags in der „New York Times“. Denn Diskretion ist die Basis des Auktionsgeschäfts.

Szenen wie diese haben sich letzte Woche in New York oft wiederholt. Jedes Jahr veranstalten die führenden Häuser Christie’s, Sotheby’s und Phillips ihre Versteigerungen moderner und zeitgenössischer Kunst in der zweiten Maiwoche. In einem Marathon aus sieben Versteigerungen wird die Größenordnung der Preise für eine ganze Branche vorgegeben. Steigt oder fällt am Hudson ein Bild der Szenelieblinge, hat das Auswirkungen auf alle Galerien weltweit. Deshalb drängt sich die Szene dicht an dicht zum Stelldichein der reichen und schönen Kunstfreunde.

Bei Christie’s reichten diesmal 900 Plätze im Saal nicht aus, es musste eine Liveschaltung gelegt werden. So gut und rar war das Angebot. Die abendliche Prestigeauktion bescherte Christie’s am 11. Mai mit 133,7 Millionen Dollar dann auch den höchsten Umsatz, der je in der Sparte zeitgenössische Kunst erzielt worden war.

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