Prinzing: „Wandlungen eines Rastlosen“
Späths Triebfeder ist die Lust am Disput

Vom kleinen Beamtenanwärter zum umtriebigen Ministerpräsidenten über den Manager und Sanierer der Jenoptik bis zum Vorstand der amerikanischen Investmentbank Merril Lynch. Das ruhelose und vielgesichtige Leben Lothar Späths wird in all seinen Wendungen und Facetten in einer neuen Biografie beschrieben.

HB STUTTGART. "Das geht nicht, gibt es nicht". Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch das beispiellos bewegte bald 70 Jahre währende Leben des Lothar Späth.

In "Wandlungen eines Rastlosen" hat Marlis Prinzing den einzigartigen Lebensweg Späths nachgezeichnet. Dabei werden nicht nur bekannte Stationen in einem temporeichen Leben geschildert. Die Autorin hat durch intensive Recherchen und viele Gespräche mit Wegbegleitern, Kritikern, Freunden, Gegnern und Familienmitgliedern tiefe Einblicke in die vielschichtige Persönlichkeit Späths gewonnen. Sie beleuchtet Stärken aber auch Schwächen in seinem ruhelosen politischen und unternehmerischen Schaffen und zeigt Verbindungen auf zu persönlichen und familiären Zusammenhängen.

Was macht den Schwaben ohne Abitur und Hochschulstudium zu einem Aufbautyp mit einer beispiellosen Laufbahn? Was beflügelt seinen Ehrgeiz und was treibt ihn zu immer neuen Ideen? Wie kann ein Mensch derart viele komplexe Prozesse gleichzeitig im Blick haben und die Antworten schon präsentieren, während die anderen gerade die Frage verstanden haben? Was sind die geistigen und moralischen Fundamente, auf denen Späth sein Leben aufbaut?

Neugier, unbändiger Wissensdurst und die Lust am Disput sind die Triebfedern eines Lothar Späth, der aus Verärgerung über seinen Vater als Zehntklässler das Gymnasium zu Gunsten einer Ausbildung in der Verwaltung verlässt und diesen Schritt später immer wieder bereut. Denn das Jurastudium, zu dem es ihn hinzieht, bleibt ihm verwehrt. Und als sich später die Möglichkeit bietet, steht gerade der nächste Karriereschritt bevor - und Späth entscheidet sich für die neue Aufgabe und gegen das Studium.

Er opponiert gern, ist aber kein Rebell. Das gilt für das Verhältnis zum Vater aber auch für seine politische Karriere: Prinzing sieht in der trotzigen Abkehr von einer akademischen Laufbahn eine Parallele zum Zögern Späths, als beim Bundesparteitag 1989 in Bremen viele Parteifreunde erwarten, dass der Ministerpräsident den damaligen Parteivorsitzenden Helmut Kohl herausfordert: "Er hätte sich auf den Weg des Kanzleranwärters begeben können, besaß aber diesen Rebellenmut nicht."

Dass Späth aus jedem Tiefschlag scheinbar gestärkt hervorgeht und einen Neuanfang schafft, hat mit einem anderen Lebensmotto zu tun: "Man kann, was man will". Diesen Satz von Eugen Moritz von Savoyen (1663-1736) hat er sich zu eigen gemacht. Dieser lebte am Hof des französischen Sonnenkönigs Ludwigs XIV, der für ihn eine geistliche Karriere vorgesehen hatte. Der Prinz wollte aber zum Heer. Der König lehnte ab. Eugen verließ Frankreich und bot dem Habsburgerkaiser Leopold I. seine Dienste an und begründete eine großartige Feldherrenkarriere.

Lothar Späth stellt sich mit 67 Jahren einer neuen Herausforderung: Im Mai 2005 beruft ihn Merril Lynch zum Vorsitzenden der Geschäftsführung. Bis dahin war er Europabeauftragter der Investmentbank. "Morgens hier, abends anderswo, ununterbrochen gibt es Telefonkonferenzen, ständig neue Informationen - Kommunikation ist alles. Ohne Blackberry geht nichts." Späth will es noch einmal wissen, will sehen, ob er den Stress bewältigt und noch mithalten kann mit den 30-jährigen hochmotivierten Bankern. Und möglicherweise liefert er noch mehr Stoff für weitere Biografien.

MARLIS PRINZING
Wandlungen eines Rastlosen Orell Füssli Verlag, Zürich 2006
300 Seiten, 24,50 Euro

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