Prosa-Prognosen
Werke aus der Wörterschule

Prosa-Prognosen - Zehn Stipendiaten der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) lasen auf der Leipziger Buchmesse ihre Werke - eine der jungen Autoren ist die Schweizerin Stefanie Sourlier.

LEIPZIG. "Er rief mich an, weil ich die letzte war. Die letzte Telefonnummer, am vierzehnten April, Samstag, um drei Uhr sechsundfünfzig frühmorgens, auf der detaillierten Rechnung, die die Telefongesellschaft dem Bruder meines lustigen Freundes geschickt hatte." So beginnt Sourliers Erzählung. Es ist die Geschichte um den rätselhaften Tod eines Freundes der Ich-Erzählerin.

"Autorenwerkstatt" klingt nach Arbeit. Aber es ist eine Arbeit, die eine Auszeichnung bedeutet. Für die Ausgezeichneten könnte sie ein erster Schritt in die Welt der bekannten Autoren sein. Judith Hermann etwa war einmal Stipendiatin. Das Programm des Literarischen Colloquiums gibt es seit zehn Jahren. Juroren des LCB wählten für die Autorenwerkstatt 2006 zehn aus etwa 350 Bewerbern aus. Talent allein war dabei nicht das einzige Auswahlkriterium: "Voraussetzung ist, dass sie noch keine Bücher veröffentlicht haben", sagt Werkstattleiter Thorsten Dönges.

Ein eigenes Buch hatte auch die Schweizerin Stefanie Sourlier noch nicht vorzuweisen. Überhaupt wusste die Studentin der Germanistik und Filmwissenschaften bis zu Beginn der Werkstatt noch nicht soviel mit ihren Texten anzufangen. "Mit dem Schreiben verbindet mich eine Art Hass-Liebe", sagt die 27-Jährige nach ihrer Lesung vor den Messebesuchern im Glashallenforum: Eine so große Hörerschaft ist genauso neu für sie wie ihre Veröffentlichung im "Spritz", dem Ergebnisband der Werkstatt - ein Akronym für den Titel Sprache im technischem Zeitalter. Das Schreiben falle ihr halt nicht leicht: "Ich könnte zum Beispiel nicht für ein Magazin schreiben", sagt sie. Weil sie dann Texte in regelmäßigen Abständen hervorbringen müsse.

An vier Wochenenden sprechen die Stipendiaten zusammen mit den Werkstattleitern über die Texte. Die Veranstaltung 2006 leiteten neben Dönges auch die Autoren Judith Kuckart und Joachim Helfer. "Jedem Teilnehmer gehört ein Tag", sagt Thorsten Dönges. Ziel sei es nicht, die Stipendiaten bei einem Verlag unterzubringen oder ihnen eine Meinung vorzugeben. "Schließlich verfügen sie schon über ihr eigenes literarisches Talent", so Dönges. Vielmehr sollten sie sich dort für das literarische Handwerk sensibilisieren. Und zudem "erste Gehversuche" in dieser Szene machen. Sie diskutieren also über die Geschichten. Und müssen versuchen, ihrer Linie treu zu bleiben, wenngleich sie womöglich zum ersten Mal eine Rückmeldung von Gleichgesinnten bekommen.

So auch Sourlier: "In meiner Familie gibt es keine Schriftsteller. Und im ganzen Bekanntenkreis nur einen Freund, der schreibt." Der Entschluss, sich beim LCB zu bewerben, sei einer Zäsur in ihrem Leben gleichgekommen. "Ich fand?s gut, dass das eine Werkstatt und nicht ein Wettbewerb ist, bei dem man lediglich einen Preis bekommt, den man mit nach Hause nimmt", sagt Sourlier. "Ich wollte eine Bestätigung, dass das, was ich schon so lange mache, etwas ist, das ernst genommen wird."

Die hat sie bekommen: Derweil schreibt sie an ihrem Band weiter. Aus dem Feedback der Werkstatt zieht sie den Schluss, dass ihre kurzen Geschichten vielleicht doch etwas mehr Raum brauchen. Vielleicht wird daher aus einer der Erzählungen eine Novelle: "Oder doch ein Roman", sagt Sourlier.

"Spritz, Sprache im technischen Zeitalter", SH-Verlag, Köln 2007 gibt es in gut sortierten Buchhandlungen und beim LCB, für 11 Euro, www.lcb.de

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