Provenienzforschung
Enteignung mit System

Rudolf von Alt gilt als der 19. Jahrhundert-Chronist der Kaiserzeit. Nun offenbart die Staatliche Graphische Sammlung in München die braune Vergangenheit ihres Werkbestandes. Von Alts Aquarelle und Zeichnungen stammen alle aus dem Besitz der NSDAP-Größe Martin Bormann. Die Ausstellung führt die Tücken der Provenienzforschung vor Augen.
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MünchenÜber die künstlerische Bedeutung der 617 Aquarelle und Zeichnungen von Rudolf von Alt (1812-1905) im Bestand der Graphischen Sammlung München gab es nie Zweifel. Kein anderer Künstler des 19. Jahrhunderts hat die prominenten Plätze der K.u.K-Monarchie und Italiens so brillant und detailverliebt festgehalten. Einige Blätter besitzen nicht einmal die Museen Wiens. Doch dem größten Rudolf von-Alt-Konvolut außerhalb Österreichs haftet ein belastender Nazi-Gôut an. Es gehörte einst Martin Bormann, dem Reichsleiter der Partei-Kanzlei der NSDAP. Die Sammlung wurde der Bayerischen Staatsgemäldesammlung in den 1950er-Jahren durch den Central Collecting Point München übergeben, der süddeutschen Sammelstelle für Kunstwerke aus NS-Raubzügen. Über 50 Jahre herrschte betretenes Schweigen inklusive aufklärerischer Unterlassungen. Jetzt endlich wird das „faule Ei“ unter dem Titel „Rudolf von Alt: …genial, lebhaft, natürlich und wahr. Der Münchner Bestand und seine Provenienz“ in der Pinakothek der Moderne der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zusammenarbeit in der Branche

Frühe Landschaften, die äußerst populären Wien- und Reisemotive bis hin zu spontanen Skizzen und familiären Blättern garantieren Kunstgenuss. Doch darum geht es nur an zweiter Stelle. Noch bevor der Besucher das erste Aquarell zu sehen bekommt, ist er mit den heute bekannten Fakten zur Vorgeschichte dieser Sammlung konfrontiert. Drei Jahre lang hat sich ein Forschungs-Team um Andreas Stobl, der in der graphischen Sammlung für das 19. Jahrhundert zuständig ist, durch Akten, Auktionskataloge und Briefe gearbeitet. Und wieder wird deutlich, dass Erpressung, Enteignung, Komplizenschaft zwischen Nazi-Funktionären, Museumskuratoren und dem Kunsthandel keine menschliche Schwäche war. Es hatte System.

Kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs ans „Reich“ im März 1938 beauftragte Martin Bormann den damaligen Reichsamtsleiter im „Braunen Haus“, Ernst Schulte Strathaus, in Wien Werke von Rudolf von Alt zu erwerben. Adolf Hitler wollte sie für das Kehlsteinhaus auf dem Obersalzberg. Martin Bormann für seine Villa im Münchener Vorort Pullach. Von Druck auf jüdische Sammler, von Enteignungen will Schulte Strathaus nie etwas gewusst haben, schreibt die Provenienzforscherin Meike Hopp im Katalog der Ausstellung.

Vorkaufsrecht der Regierung

Doch die Realität in Österreich sah anders aus. Ab 1938 galt ein Ausfuhrverbot für den Künstler. Emigranten waren zum Verkauf gezwungen, wenn ihre Sammlungen im Zuge von Enteignungen nicht ohnehin beschlagnahmt worden waren. Für derartige Nachlässe war ein NS-Regierungskommissar mit Vorkaufsrecht und Ausfuhrsondergenehmigungen ausgestattet. Günstiger geht es nicht. Besonders hilfsbereit zeigten sich zudem Wiener Museumsleute wie der Direktor der österreichischen Galerie im Belvedere, Bruno Grimschitz. Er führte den NS-Kunstbeschaffer zu jüdischen Privatsammlern, dessen Ausfuhrantrag abgelehnt wurde.

Die Herkunft der meisten Blätter bleibt auch nach dreijähriger, intensiver Recherche im Dunkeln. Das Aquarell „Nordbahnhof“, das über die Wiener Kunsthandlung Ataria und den Münchner Kunsthändler Eugen Brüschwiler in die Bormann-Sammlung gelangte, konnte schon 2011 an die Erben der Sammlerin Valerie Heissfeld zurückgegeben werden. Andere Restitutionsansprüche erwiesen sich als unberechtigt.

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