Provozierende Show in Hamburg

Billiger Menschenzoo

Eine Künstlergruppe stellt in der Hamburger Kunstfabrik Kampnagel Menschen im Käfig aus – vom Hartz-IV-Empfänger bis zur Alleinerziehenden. Was als Kunst daherkommt, appelliert einzig an den Voyeur in uns. Ein Kommentar
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Ein Straftäter (captivus) sitzt in einem Kafig im Rahmen des Kunstprojekts „Human Zoo“ im Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg. Quelle: dpa

Ein Straftäter (captivus) sitzt in einem Kafig im Rahmen des Kunstprojekts „Human Zoo“ im Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg.

(Foto: dpa)

DüsseldorfWas soll das? Menschen kauern im Käfig wie Tiere. Es sind Ex-Knackis, Menschen ohne Dach über dem Kopf, eine Roma-Frau mit Kopftuch ist darunter, ein Punker. Der Eintritt zu diesem Menschenzoo, der in der Hamburger Kunstfabrik Kampnagel ausgestellt wird, kostet drei Euro. Wer mag kann am Eingang Spielzeug und Futter für die Ausgestellten kaufen: Erdnüsse, Bierdosen, abgepackte Zigarettenstummel.

Die Wiener Künstlergruppe „God's Entertainment“ hat sich die Show „Human Zoo“ ausgedacht. Sie will „Randgruppen“ sichtbar machen. Und seit der Eröffnung der Show in dieser Woche diskutiert die Republik darüber, was das soll, wie wir Zuschauer es einsortieren sollen und ob wir lachen dürfen oder betroffen gucken müssen.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.
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Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Zwischen Tabak-Tüten und Discounter-Prospekten sitzt ein strubbeliger Mann. An seinem Käfig klebt ein Hinweis-Schild, das ihn als „Hartz-IV-Empfänger“ identifiziert, der als Nahrung vorwiegend „Tiefkühlkost und Spirituosen“ und als natürliche Feinde „Personalleiter und Wohnungsvermieter“ nennt. Eine alleinerziehende Mutter hat sich nebenan in den Käfig gesetzt. Sie saugt gerade Staub.

Menschen zu Kunstobjekten zu machen – die Idee ist so alt wie die Kunst selbst. Nur begnügen sich Performance-Künstler entweder anständigerweise mit der eigenen Person: Marina Abramowitsch zum Beispiel, Kunstprofessorin in Braunschweig und Performance-Star der internationalen Kunstszene ritzt sich den eigenen Körper vor entsetzt-faszinierten Zuschaueraugen auf.

Oder sie werden so radikal, wie der vor zwei Wochen gestorbener Wiener Künstler Otto Mühl und machen den menschlichen Körper zu Material der Kunst: Mühl hat einst auf Einladung der Studenten an der Kunsthochschule in Braunschweig ein Schwein im Hörsaal geschlachtet und Blut, Urin und Kot über den Körper einer Frau gegossen. Dazu hat er besinnliche Weihnachtslieder via Lautsprecher übertragen. Das war 1969, also vor 44 Jahren. Mühls Werk war abstoßend und ekelhaft – aber es war damals immerhin neu. Als Künstler hatte er einen Trend gespürt, bevor er zum Allgemeingut wurde. Er hielt uns Exhibitionisten einen Spiegel vor und genoss den Skandal.

Was auf Kampnagel passiert, ist dagegen simpel, so simpel wie ein Autounfall: Es kracht, es gibt Betroffenen, es gibt unglücklicherweise sogar Verletzte, und es gibt Zuschauer, die im vom Sprecher im Verkehrsstudio erzieherisch als „Gaffer“ bezeichnet werden, was sie aber eben auch nicht vom Zuschauen abhält. Das Phänomen heißt Voyeurismus, und wir kennen es, weil wir uns selbst gut kennen. Wir schämen uns dafür wie damals als Junge, als wir heimlich in den Erwachsenenromanen der Eltern gelesen haben, aber wir machen es trotzdem. Klar wird: Die Kampnagel-Künstler setzen auf Trieb und gehören damit eher auf die Reeperbahn als in die Kunstfabrik.

Ihr Erfolg: Wir reden darüber, wir gehen hin, wir streiten uns, wir schreiben Texte wie diesen. Das funktioniert aber auch wenn Michael Douglas über den möglichen Zusammenhang zwischen seinen Sexualpraktiken und seinem überstandenen Krebs berichtet. Nur das Douglas, der ein Künstler ist, diesen Teil seines Lebens ausdrücklich nicht als Kunst deklariert.

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9 Kommentare zu "Provozierende Show in Hamburg: Billiger Menschenzoo"

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  • Die Künstler interpretieren den Status Quo der deutschen gesellschaft recht treffend. Ob man die Menschen ins soziale Abseits stellt, sie aus den Städten vertreibt und ihrer Teilhabe am öffentlichen/kulturellen Leben beraubt ist kein großer Unterschied zur gewählten Darstellungsform.

    Sie drückt auch die Wünsche der Nichtrandgruppen gegenüber diesen (Noch)Minderheiten sehr präzise aus. Von daher verstehe ich die Aufregung nicht. Warum soll man einen HartzIV-"Kunden" nicht so darstellen. Auf dem Amt und in der Gesellschaft ist es noch weit entwürdigender.

    Weswegen werden wohl alle gesellschaftlichen Misstände begrifflich neu gefasst? Der Hartz-IV-Kunde, der "Beitragsservice für den Raubzug der öffentlich-rechtlichen etc. Das war im Dritten reich oder in der DDR nicht anders. Je schlimmer die Zustände desto neutraler und freundlicher die begriffliche Fassung. In der Ausstellung wird einfach nur Klartext gesprochen bzw. gezeigt. Das Ganze mit einem schönen Schuß Humor und Ironie. Und das ist nun mal die Aufgabe von Kunst.

  • @Tabu

    "Auch hier braucht es nur das sich einfühlen,des
    sich vorstellen könnens.Mehr braucht es nicht,an
    Information,von der aus man selektieren kann."

    Richtig, wenn man es kann, vielleicht sehr empathisch veranlagt ist oder erzieherisch darauf hingewiesen wird, daß Tiere auch Lebewesen sind, Lebewesen die man genauso zu achten hat wie seinen Mitmensch.
    Aber das dieses Mitfühlen bei jedem Menschen von allein, oder von Natur aus vorhanden ist, bezweifle ich. Sonst gäbe es keine Nutztiere und keine Schlachthöfe - und auch keine Kriege.

  • Die Arbeit Franz Kafkas namens "Ein Hungerkünstler" kann man übrigens hier zur Gänze lesen:

    http://www.gutenberg.org/files/30655/30655-h/30655-h.htm


  • Man bedenke, was Franz Kafka geschrieben hatte in " ein Hungekünstler":

    "In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder, denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch durch 984das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück des Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie und da aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu feuchten."

    Wodurch Kampnagel bislang aufgefallen war: künstlerische Perspektiven so anzugehen, dass man das notfalls auch mit der Hand zeigen könnte bzw. zu versimpeln.

    Im Gegensatz dazu verfügte Franz Kafka wenigstens über Humor.

  • unser Gehirn kann nicht alles aufnehmen, es braucht mehr Zeit als ein Hochgeschwindigkeitscomputer
    "die Informationen in menschliche und moralische Sichtweisen zu verwandeln"
    ------------
    als ich fünf war,legte ich mich mit zwei 12j.an,
    die eine Maus welche hinter ein Gitter geraten war,
    mit Steine bewarfen..Das kleine Ding hat geschrien
    wie ein Baby und ich gab ihr,ihr kleines Leben zurück.
    Es bedurfte keiner Information um menschlich zu handeln.
    Noch nicht mal,ein passendes Elternhaus,in dem
    es nur um den eigenem Erhalt ging.Literatur zum
    Beispiel,war schlichtweg nicht vorhanden.
    Mein erstes Buch das haften blieb,war von dem
    Real Poeten Wilhelm Raabe.In seiner Chronik der
    Sperlingsgasse,läßt er die
    soziale und gesellschaftspolitische Situation in Deutschland des 19. Jahrhundert unterschwellig mit einfliessen.
    Auch hier braucht es nur das sich einfühlen,des
    sich vorstellen könnens.Mehr braucht es nicht,an
    Information,von der aus man selektieren kann.
    Deshalb braucht es auch die noch zusätzliche
    Zurschaustellung nicht.
    Goethe hat einmal gesagt:"Was einem Menschen nicht
    inne wohnt,kriegt man auch nicht hinein"

    Mir leuchtet nicht ein,was den Menschen diese Käfigaktion
    bringen soll.Sie wird schon einen Meter davon entfernt,dem
    Vergessen anheim fallen,falls man sich nicht gerade
    darüber belustigt.

  • @Tabu

    "Nachrichten lesen,in der keine menschliche Perversion,
    ausgespart wird."

    Nicht wirklich. Ich sehe es inzwischen schon als Kunst an, wirklich Nachrichten zu lesen. Und zwar solche die nicht durch Vorgaben von Gutmenschen "verschönt" werden. Die Welt ist in Wirklichkeit noch viel schlimmer, oder besser gesagt realistischer, als uns die Medienaufsicht klar machen will. Deshalb sehen Nachrichten in Ländern in denen es keinen ÖR gibt, auch ganz anders aus.

    Abgesehen davon das inzwischen eine selektive Wahrnehmung absolut überlebenswichtig ist, denn unser Gehirn kann nicht alles aufnehmen, es braucht mehr Zeit als ein Hochgeschwindigkeitscomputer die Informationen in menschliche und moralische Sichtweisen zu verwandeln.
    Nur sollte man sich dessen auch bewußt sein.
    Da kann Kunst, die man eigentlich nicht sehen will, schon hilfreich sein.

  • Wenn ich Unterschicht sehen will,brauch ich nur
    offenen Blickes vor die Tür zu treten.
    Nachrichten lesen,in der keine menschliche Perversion,
    ausgespart wird.Seien es Kriege,Tiertransporte,
    Kopfzertreter,Steiniger,Aufhänger,Kinderschänder,
    Besoffene und Bepinkelte,Junkies,Dealer,Drogenmafia,

    Ich bevorzuge die Romantiker..da wo der Mensch mit
    sich und der Natur im Einklang ist.
    Ethk und Ästhetik.
    Abnormitäten wie,Osborn beißt Fledermaus den Kopf ab.
    Künstler will Welpen aufhängen..(wurde zum Glück
    unterbunden)sind leider Ausdruck unserer degenerierten
    Gesellschaft.Hier werden die allerniedrigsten Abarten
    der Zurschaustellung bedient.

  • "Was als Kunst daherkommt, appelliert einzig an den Voyeur in uns"

    Hallo? Aufwachen, was ist denn bitte Kunst ansonsten, wenn da nicht ein großer Teil simpler Voyeurismus mit drin ist?
    Wenn ich das Bild von Mona Lisa betrachte, ist das nichts anderes. Wie soll man sich sonst an dieser Kunst erfreuen wenn ich dort nicht als Voyeur fungiere? Selber malen kann ich das nicht. Oder die Traumfabriken in Film und Funk? Diese ganze Unterhaltungsindustrie lebt von nichts anderem.
    Die Kunst dieser Ausstellung ist genau das, zu zeigen wie sehr diese Gesellschaft Voyourismus zum vermeintlichen Vorteil hochstilisiert. Porsche fahren, aber Jaffa-Möbel im Wohnzimmer, Markenklamotten aber den ganzen Monat dafür billige Haferflocken futtern, immer den Schein wahren. Und wer den Schein nicht wahren kann, wird nicht gesehen, weg gesperrt, eingesperrt im Sinne von "wollen wir nicht sehen". Aber geil das es das gibt, ansonsten müßte man sich andere Mauern als Geldsucht, Porsche oder Markenklamotten bauen, damit niemand sieht wie "arm" man doch in Wirklichkeit ist. Dieses darzustellen kann ich durchaus als Kunst ansehen. Alle gesellschaftlichen Strömungen, Gruppen und Ereignisse darzustellen ist eine Kunst, verstecken ist leicht und wirklich KEINE Kunst.
    Aber wie man sieht, ist das ja auch inzwischen ein gutes Geschäft und Kunst ist das was bezahlt werden will. Wer Kunst kaufen kann, ist nur in einem anderen Käfig.

  • Zitat aus der Website von "God's Entertainment": "So arbeiten God’s Entertainment mit der Hypothese, dass soziale und materielle Kontroll- und Ordnungsmechanismen einen Transfer von Tier zu Mensch erleben." Mal so nebenher, Ingenieure werden wie Kühe gehalten, Verkäufer wie Rennpferde, Journalisten wie (das wissen sie selbst am Besten) Wer keine Provokation mag, verblödet- das ist natürlich auch nur eine Hypothese.

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