Provozierende Show in Hamburg
Billiger Menschenzoo

Eine Künstlergruppe stellt in der Hamburger Kunstfabrik Kampnagel Menschen im Käfig aus – vom Hartz-IV-Empfänger bis zur Alleinerziehenden. Was als Kunst daherkommt, appelliert einzig an den Voyeur in uns. Ein Kommentar
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DüsseldorfWas soll das? Menschen kauern im Käfig wie Tiere. Es sind Ex-Knackis, Menschen ohne Dach über dem Kopf, eine Roma-Frau mit Kopftuch ist darunter, ein Punker. Der Eintritt zu diesem Menschenzoo, der in der Hamburger Kunstfabrik Kampnagel ausgestellt wird, kostet drei Euro. Wer mag kann am Eingang Spielzeug und Futter für die Ausgestellten kaufen: Erdnüsse, Bierdosen, abgepackte Zigarettenstummel.

Die Wiener Künstlergruppe „God's Entertainment“ hat sich die Show „Human Zoo“ ausgedacht. Sie will „Randgruppen“ sichtbar machen. Und seit der Eröffnung der Show in dieser Woche diskutiert die Republik darüber, was das soll, wie wir Zuschauer es einsortieren sollen und ob wir lachen dürfen oder betroffen gucken müssen.

Zwischen Tabak-Tüten und Discounter-Prospekten sitzt ein strubbeliger Mann. An seinem Käfig klebt ein Hinweis-Schild, das ihn als „Hartz-IV-Empfänger“ identifiziert, der als Nahrung vorwiegend „Tiefkühlkost und Spirituosen“ und als natürliche Feinde „Personalleiter und Wohnungsvermieter“ nennt. Eine alleinerziehende Mutter hat sich nebenan in den Käfig gesetzt. Sie saugt gerade Staub.

Menschen zu Kunstobjekten zu machen – die Idee ist so alt wie die Kunst selbst. Nur begnügen sich Performance-Künstler entweder anständigerweise mit der eigenen Person: Marina Abramowitsch zum Beispiel, Kunstprofessorin in Braunschweig und Performance-Star der internationalen Kunstszene ritzt sich den eigenen Körper vor entsetzt-faszinierten Zuschaueraugen auf.

Oder sie werden so radikal, wie der vor zwei Wochen gestorbener Wiener Künstler Otto Mühl und machen den menschlichen Körper zu Material der Kunst: Mühl hat einst auf Einladung der Studenten an der Kunsthochschule in Braunschweig ein Schwein im Hörsaal geschlachtet und Blut, Urin und Kot über den Körper einer Frau gegossen. Dazu hat er besinnliche Weihnachtslieder via Lautsprecher übertragen. Das war 1969, also vor 44 Jahren. Mühls Werk war abstoßend und ekelhaft – aber es war damals immerhin neu. Als Künstler hatte er einen Trend gespürt, bevor er zum Allgemeingut wurde. Er hielt uns Exhibitionisten einen Spiegel vor und genoss den Skandal.

Was auf Kampnagel passiert, ist dagegen simpel, so simpel wie ein Autounfall: Es kracht, es gibt Betroffenen, es gibt unglücklicherweise sogar Verletzte, und es gibt Zuschauer, die im vom Sprecher im Verkehrsstudio erzieherisch als „Gaffer“ bezeichnet werden, was sie aber eben auch nicht vom Zuschauen abhält. Das Phänomen heißt Voyeurismus, und wir kennen es, weil wir uns selbst gut kennen. Wir schämen uns dafür wie damals als Junge, als wir heimlich in den Erwachsenenromanen der Eltern gelesen haben, aber wir machen es trotzdem. Klar wird: Die Kampnagel-Künstler setzen auf Trieb und gehören damit eher auf die Reeperbahn als in die Kunstfabrik.

Ihr Erfolg: Wir reden darüber, wir gehen hin, wir streiten uns, wir schreiben Texte wie diesen. Das funktioniert aber auch wenn Michael Douglas über den möglichen Zusammenhang zwischen seinen Sexualpraktiken und seinem überstandenen Krebs berichtet. Nur das Douglas, der ein Künstler ist, diesen Teil seines Lebens ausdrücklich nicht als Kunst deklariert.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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  • Die Künstler interpretieren den Status Quo der deutschen gesellschaft recht treffend. Ob man die Menschen ins soziale Abseits stellt, sie aus den Städten vertreibt und ihrer Teilhabe am öffentlichen/kulturellen Leben beraubt ist kein großer Unterschied zur gewählten Darstellungsform.

    Sie drückt auch die Wünsche der Nichtrandgruppen gegenüber diesen (Noch)Minderheiten sehr präzise aus. Von daher verstehe ich die Aufregung nicht. Warum soll man einen HartzIV-"Kunden" nicht so darstellen. Auf dem Amt und in der Gesellschaft ist es noch weit entwürdigender.

    Weswegen werden wohl alle gesellschaftlichen Misstände begrifflich neu gefasst? Der Hartz-IV-Kunde, der "Beitragsservice für den Raubzug der öffentlich-rechtlichen etc. Das war im Dritten reich oder in der DDR nicht anders. Je schlimmer die Zustände desto neutraler und freundlicher die begriffliche Fassung. In der Ausstellung wird einfach nur Klartext gesprochen bzw. gezeigt. Das Ganze mit einem schönen Schuß Humor und Ironie. Und das ist nun mal die Aufgabe von Kunst.

  • @Tabu

    "Auch hier braucht es nur das sich einfühlen,des
    sich vorstellen könnens.Mehr braucht es nicht,an
    Information,von der aus man selektieren kann."

    Richtig, wenn man es kann, vielleicht sehr empathisch veranlagt ist oder erzieherisch darauf hingewiesen wird, daß Tiere auch Lebewesen sind, Lebewesen die man genauso zu achten hat wie seinen Mitmensch.
    Aber das dieses Mitfühlen bei jedem Menschen von allein, oder von Natur aus vorhanden ist, bezweifle ich. Sonst gäbe es keine Nutztiere und keine Schlachthöfe - und auch keine Kriege.

  • Die Arbeit Franz Kafkas namens "Ein Hungerkünstler" kann man übrigens hier zur Gänze lesen:

    http://www.gutenberg.org/files/30655/30655-h/30655-h.htm

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