Qualität des Fernsehens
Köche, Köche, immer wieder Köche

Auf allen Fernsehkanälen wird soviel gekocht wie nie zuvor. Dabei geht es bei den telegenen Brutzel-Shows keineswegs nur um die Zubereitung von Nahrung. Der Fernsehkoch ist längst zum Zeremonienmeister einer für viele Zuschauer unerreichbaren Welt geworden.

DÜSSELDORF. "Und zwischendurch immer wieder Köche, nichts als Köche!" schimpfte Marcel Reich-Ranicki in einem Interview über die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises. Sähe der Literaturpapst mehr fern, wäre er nicht so überrascht gewesen, dass die Fernsehköche Horst Lichter und Johann Lafer eine Laudatio auf die beste Wissenssendung halten durften. Kurz nach Reich-Ranickis Diskussion mit Thomas Gottschalk am Freitag ("Aus gegebenem Anlass") über die (schlechte) Qualität des Fernsehens, sendete das ZDF übrigens: "Lanz kocht" - mit Lafer und Lichter.

Seit Alfred Biolek mit "Alfredissimo" 1994 die Mutter aller Brutzel-Shows begründete, erleben Kochsendungen einen ungebrochenen Boom. Allein auf öffentlich-rechtlichen Sendern wurde im vergangenen Jahr rund 53 Stunden pro Woche gekocht (laut www.gebuehrenstopp.de).

Lafer, Lichter, Mälzer und Konsorten sind längst zu höchsten Ehren gekommen, sie haben den Gesellschaftsstatus des "Promis" erreicht. Den beliebtesten der Fernsehköche, Tim Mälzer, kennen laut Forsa-Umfrage 57 Prozent der Deutschen. Im Internet gibt es Seiten, auf denen nicht nur die Rezepte, sondern auch die Fernsehköche selbst zelebriert werden. Die Fernsehnation scheint von dem telegenen Gebrutzel mit Koch-Promi-Gebrabbel nicht genug zu bekommen. Jeder fünfte Bundesbürger, so stellt das Forsa-Institut fest, schaut mindestens zweimal pro Woche eine der über 20 Kochsendungen. Was ist los mit der deutschen Fernsehnation? Eine Antwort könnte die Einfallslosigkeit der Programmchefs sein. Außerdem sind Kochsendungen sehr günstig zu produzieren. Aber das erklärt nicht den Zuschauerzuspruch.

Der Verdacht liegt nahe, dass es den Zuschauern von Kochsendungen nicht nur um praktische Informationen zur Nahrungszubereitung geht. "In Kochsendungen wird vorgeführt, wie man zu leben habe", erklärt Eva Barlösius, Soziologin an der Uni Hannover und Autorin der "Soziologie des Essens" (1999). Das Phänomen sei nicht zu trennen von dem öffentlichen Diskurs darüber, dass in bestimmten sozialen Schichten nicht mehr gekocht wird, die Kinder zu dick sind oder nicht genug zu essen haben. "Hier werden soziale Unterschiede über das Mittel der Kultur hergestellt und unterstrichen", sagt Barlösius.

Sich über die Art und Weise des Essens von anderen zu unterscheiden ist ein uraltes Verhaltensmuster, das man in allen Kulturen und Epochen seit der Antike feststellen kann. "Ein verfeinerter Kochstil als Teil eines aristokratischen oder großbürgerlichen Lebensstils wurde früher in Kochbüchern und in den Kolumnen von Wolfram Siebeck im ,Zeit-Magazin? oder der ,FAZ? repräsentiert, in Medien, die sich an eine bestimmte soziale Schicht richten. Die Kochsendungen adressieren soziale Gruppen, die ansonsten zwar ahnten, dass es einen Essstil gibt, der sich als sozial überlegen darstellt, aber nicht unmittelbar damit konfrontiert wurden. Die Differenz wird somit überdeutlich in jedermanns Wohnstube gebracht."

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