Qualität gegen Profit
Schaumwein-Schiebereien

Weltweit ist Frankreichs Champagner gefragt wie nie zuvor. Die Folge: Die Schaumwein-Winzer kommen mit der Traubenproduktion kaum noch nach. Nun sollen die Anbauflächen in der Champagne massiv erweitert werden – und Qualität kämpft gegen Profit.

EPERNAY. Der Nadeldrucker im kleinen Büro von Jean Didier-Niceron rattert ohne Unterlass und spuckt Versandadressen aus. Der weiß geflieste Raum im ersten Stock seines Hofes, in dem normalerweise Kunden seinen Champagner verköstigen, ist zum Versandlager mutiert; überall stapeln sich Kartons voller Flaschen, die auf ihre Reise zu Kunden in ganz Europa warten. „Seit etwa drei Jahren läuft der Verkauf wie verrückt“, freut sich der Weinbauer, der aus seinen Trauben selbst Champagner keltert.

Didier-Niceron betreibt das Familienunternehmen in Saint-Martin d’Ablois südwestlich der Champagner-Hauptstadt Epernay in der zweiten Generation – aber solch einen Boom hat er noch nie erlebt. Dabei verlässt sich der Winzer ausschließlich auf Mund-zu-Mund-Propaganda.

„Bei mir rufen sogar bekannte Champagner-Marken an, um ,lattes’ zu kaufen“, erzählt der Winzer. Das ist halbfertiger Champagner in Flaschen, den große Marken dann unter eigenem Etikett weiter vermarkten – was sie nie zugeben würden.

Weltweit ist Frankreichs Schaumwein immer gefragter. Wuchs der Absatz früher mit zwei bis drei Prozent pro Jahr, legt er nun fünf bis sechs Prozent zu. Die neuen Ertragsquellen sprudeln im Osten: Die neuen Reichen aus Russland (plus 39 Prozent) und Indien (plus 126 Prozent) finden zunehmend Geschmack am prickelnden Getränk aus Ostfrankreich.

Die Folge: Die Champagner-Winzer kommen mit der Traubenproduktion kaum noch nach. Weltmarken wie Moët & Chandon und Piper-Heidsieck geht der Rohstoff zur Neige, die Trauben. Denn anders als Didier-Niceron bauen Markenhersteller nicht selbst Wein an, sondern kaufen den Großteil der Trauben für die Champagner-Produktion von 14 000 Champagner-Winzern. Und die können kaum noch liefern: Die 35 000 Hektar Anbaufläche der Champagne sind zu 95 Prozent belegt.

Doch Rettung naht: Das staatliche INAO, „Institut National de l’Origine et de la Qualité“, plant, Anfang des neuen Jahres neue Anbaugebiete auszuweisen. Nun heißt es in der Champagne Groß gegen Klein: Während die Luxuskonzerne mehr Produktion wollen und Druck machen, fürchten die Kleinanbieter eine Verwässerung der Qualität – eine kleine Landpartie über ein Winzerland zwischen Goldrausch und Traditionalismus.

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