Rangliste „Power 100“

Die mächtigsten Kunstpersönlichkeiten

Wer hat den größten Einfluss im internationalen Kunstbetrieb? Die Antwort gibt jedes Jahr die Liste der „Power 100“. Diesmal sind zwei deutsche Künstler im Aufwind. Geld oder Geist – das ist hier die Frage.
Der Schweizer Kurator für zeitgenössische Kunst gilt nach der „Power 100“-Rangliste als derzeit einflussreichster Mensch der internationalen Kunstszene. Quelle: dpa
Hans Ulrich Obrist

Der Schweizer Kurator für zeitgenössische Kunst gilt nach der „Power 100“-Rangliste als derzeit einflussreichster Mensch der internationalen Kunstszene.

(Foto: dpa)

LondonDer König des globalen Kunstbetriebs ist wieder einmal der allgegenwärtige Star-Kurator Hans Ulrich Obrist. Im jährlichen Bäumchen-wechsel-dich-Spiel auf der Rangliste „Power 100“ steht Obrist diesmal auf Platz eins. Der immer und überall präsente Kurator und Publizist gehört seit Jahren zur Spitzengruppe des vom britischen Kunstmagazin „ArtReview“ veröffentlichten Rankings der 100 Wichtigsten in der Kunst. Heiß erwartet und heftig umstritten ist die „Momentaufnahme“ der zeitgenössischen Kunstszene trotzdem.

An den „Power 100“ ist alljährlich abzulesen, dass der internationale Kunstzirkus vor allem von einigen wenigen Mega-Galerien (Wirth, Zwirner, Gagosian) und Museumschefs (Tate, Whitney) regiert wird. Künstler machen nur einen kleinen Teil der Liste aus. Dieses Jahr aber lassen die Namen zweier deutscher Künstler aufhorchen: Die Video-Künstlerin Hito Steyerl kommt auf Platz 7 und Fotokünstler Wolfgang Tillmans auf Platz 9. Gewinnen also auch wieder Ideen und nicht nur dicke Geldbeutel auf dem Kunstmarkt Einfluss?

Steyerl ist derzeit ein Liebling der Kunstszene. Zur Kunstbiennale in Venedig 2015 erregte sie im deutschen Pavillon mit ihrer Videoinstallation „Factory of the Sun“ Aufsehen. In dem vermeintlichen Videogame übersetzte Steyerl mit rasanten Schnitten und harten Rhythmen echte Menschen in digitales Licht.

Am Beispiel Steyerls ist zu beobachten, dass Künstler auch als Theoretiker an Einfluss gewinnen können. „Nicht nur ihr künstlerisches Werk, sondern auch ihre Texte sind scharfsinnige Analysen der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Verhältnisse“, sagt die Sammlerin Julia Stoschek. Sie stellt Steyerls Biennale-Beitrag derzeit in Düsseldorf aus. Zugleich reflektiere Steyerl, Professorin für Medienkunst in Berlin, „in ihren essayistisch-dokumentarischen Filmen die digitalen Technologien und die visuelle Macht der Bilder in einer spielerischen Leichtigkeit“.

Fotografie für Börsianer
Die Kunst der Deutschen Börse
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Die Leiterin der Kunstsammlung, Anne-Marie Beckmann, und der Managing Director Global Public Affairs, Frank Klaas, sind ein eingespieltes Team. Die Kunsthistorikerin kauft mit sicherem Gefühl interessante Position der internationalen Fotografie ein, der Kommunikationschef zeichnet sie ab.

Im Vertrauen darauf, dass sich die Mitarbeiter und die Gäste ein Bild von der Welt durch die Sammlung machen können. Und darauf, dass eine nur aus harmlos dekorativen Blumenbildern bestehende Sammlung der Deutschen Börse nicht den Ruf eingebracht hätte, den sie schon länger genießt: eine erstklassige Sammlung internationaler Fotografie zu sein.

Die Werkblöcke von 107 Künstlerinnen und Künstlern umfassende Collection folgt einem Konzept, das nicht auf Schönheit setzt, sondern auf Wahrheit. Deshalb gibt es so viele Fotos aus Kriegs- und Krisengebieten: aus Bosnien, aus dem Kongo oder aus Vietnam. Alle sind verdichtete Momente der Geschichte, die den Betrachter berühren.

(Foto: Bert Bostelmann / Bildfolio für Handelsblatt)

Joel Sternfeld: Mc Lean, Virginia, December 1978
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Das Bild ist stark. Kein Betrachter kann es ansehen, ohne sich verzweifelt die Haare zu raufen. Es brennt ein Einfamilienhaus und der Feuerwehrmann sucht sich im Farm Market in aller Seelenruhe einen Kürbis aus. Empörung macht sich breit vor dem Farbfoto „Mc Lean, Virginia, December 1978“ von Joel Sternfeld. Das ist genau kalkuliert. Denn Sternfeld hat sein Foto auf dem Feuerwehrtestgelände geschossen!

Acht Jahre ist Anne-Marie Beckmann, die Leiterin der Art Collection Deutsche Börse, dem Meisterwerk hinterhergejagt. Eines Tages stellte sie am richtigen Ort, in der renommierten Galerie Luhring Augustine die richtige Frage. Die Galerie hatte just einen Abzug aus der Sammlung des Künstlers übernehmen können. „Sternfeld fotografiert wie ein Künstler und recherchiert wie ein Journalist“, begründet Beckmann die Macht, die von Sternfelds Bildern ausgeht.

(Foto: © Joel Sternfeld; Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York.)

Gerd Danigel: Volksbühne, 1996
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Gerd Danigel, der Autodidakt, durchstreift seine Stadt Berlin regelmäßig mit der Kamera. Und findet Perlen, noch über und unter dem bröckelnden Putz. In einer dichten Komposition entwirft sein schwarz-weiß-Foto „Volksbühne“ eine Zustandsbeschreibung des Ostens nach der Wiedervereinigung. Denn auf der Dachkante der Volksbühne in Berlin-Mitte stehen selbstbewusst die drei Buchstaben „OST“.

So wie in dem Theaterstück „Einsame Menschen“ von Gerhard Hauptmann die Menschen ihren Platz in Gesellschaft und Privatleben noch nicht gefunden war, dürfte es auch sieben Jahre nach Mauerfall in der wieder erweckten Hauptstadt gewesen sein.

(Foto: Gerd Danigel: Volksbühne, 1996)

Sandra Mann: Sandra with Beard, 2000
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Die Kamera im Handy hat unser aller Verhalten verändert. Witzige Momente werden mit Absicht inszeniert und gepostet. Sandra Mann greift dieses Genre spielerisch auf und posiert selbst mit dem Zeitungsausriss eines Bärtigen. Ganz nebenbei hinterfragt Sandra Mann die Rollenbilder von Mann und Frau – jenseits einer pompösen Inszenierung.

Die Art Collection Deutsche Börse möchte sich, ihren Mitarbeitern und Gästen möglichst facettenreich ein Bild von der Welt machen, in der Gleichberechtigung eben noch auf der Agenda steht. Wo sind starke Positionen oder wichtige Themen, fragt sich Sammlungsleiterin Anne-Marie Beckmann täglich.

(Foto: Sandra Mann - VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

Heinrich Riebesehl: Schillerslage (Hannover), aus der Serie „Agrarlandschaften“, 1976-1979
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Die Sammlung der Deutschen Börse hat einen Schwerpunkt auf der Fotografie als Dokumentarmedium. Heinrich Riebesehl (1938-2010) hält in den späten 1970er-Jahren mit einer großen schweren Plattenkamera norddeutsche Äcker, Traktoren, Anhänger und Getreidesilos in der Serie „Agrarlandschaften“ fest: nüchtern, menschenleer, distanziert. Der Anhänger mit den Kartoffelsäcken hätte, könnte man meinen, auch in den 1930er-Jahren aufgenommen worden sein.

Faszinierend bei dem ländlichen Stillleben sind die Abstufungen von Schwarz und Weiß, die Riebesehl herauszuholen weiß. Stativ und Kamera transportierte der Künstler meist auf dem Fahrrad.  Für die Serie „Agrarlandschaften“ erhielt Heinrich Riebesehl als erster Fotograf 1981 den Bernhard-Sprengel-Preis für Bildende Kunst. Erst im Laufe der 1980er-Jahre fand die Fotografie Anerkennung als Kunstform.

(Foto: Nachlass Heinrich Riebsehl / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Courtesy Kicken Berlin)

Richard Mosse: Madonna and Child, South Kivu, 2012
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Das Werk von Richard Mosse siedelt zwischen Konzeptkunst und Reportagefotografie. Charakteristisch für seine Fotos ist ein irreal wirkendes Magentarot. Wo in der Natur Grüntöne sind, leuchtet es bei ihm gefährlich rot. Dieser Verfremdungseffekt entsteht, weil Mosse Infrarot-Material verwendet, das im Militär zur Feinderkennung in unübersichtlichem Gelände eingesetzt wurde.

Im Kontext des seit 50 Jahren wütenden Kriegs im Kongo ist das Bild „Madonna and Child, South Kivu“ ein Monument der Menschlichkeit. Ein Soldat, wir wissen nicht von welcher Seite, legt einen Moment sein Gewehr bei Seite, hält inne und legt seinen Arm schützend um ein Baby, wie es in der christlichen Kultur jede Marienfigur tut. Ist es sein eigenes Kind? Oder eines, das gerade seine Eltern verlor?

Gute Fotokunst löst mehr Fragen aus, als sie Antworten bereithält. Mosse, der Ire, der in New York lebt, hat 2014 den Deutsche Börse Photography Prize gewonnen.

(Foto: Richard Mosse)

Wilhelm Schürmann: Bushaltestelle (Frau Höppe und Tochter), 1979-1981
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Der erste Blick suggeriert dem Betrachter, zwei Schwestern stünden an einer Bushaltestelle. Doch ihre hellbeigen Regenmäntel verleihen den dargestellten Bürgerinnen etwas von einer zeitlosen Statuengruppe. Die feinen Grauwerte verführen zum Studium des Bildes, das Wilhelm Schürmann Ende der 1970er-Jahre aufnahm. So geschickt, dass im Kopf des Betrachters ein kleiner Film abläuft, über die willensstarke Mutter, die eine Kämpfernatur zu sein scheint, und die griesgrämig verschlossene Tochter.

Eine Laune der Natur oder ein Familiendrama? Die Auflösung erzählt uns Schürmann, der Fotograf, Professor und Sammler zeitgenössischer Kunst, nicht. Da muss unsere eigene Phantasie ran.

(Foto:Wilhelm Schürmann, Courtesy Kicken Berlin)

Fotokünstler Tillmans hat nach Ansicht von „ArtReview“-Chefredakteur Mark Rappolt durch seinen Einfluss als Fotograf auch die Relevanz des Mediums gesteigert. Lange sei die Fotografie nur als zweitrangiges künstlerisches Genre betrachtet worden.

Auch deutsche Galerien mischen global mit, wenn auch nicht ganz vorn: Sprüth/Magers (13) Daniel Buchholz (39), Esther Schipper (56) und Neugerriemschneider (59). Auch Deutschlands teuerster Künstler, Gerhard Richter, liegt nur irgendwo im Mittelfeld (42).

Zur Überbewertung der „Power 100“ neigt Schipper nicht. „Es ist eher eine betriebsinterne Anerkennung“, sagt die in Berlin ansässige Galeristin. Der „harte Kern des Kunsthandels“ achte allerdings schon auf das Ranking.

Schipper kennt schon seit Studienzeiten Künstler wie Liam Gillick oder Pierre Huyghe, die ebenfalls zu den „Power 100“ gehören, und vertritt sie. „Wir sind gemeinsam gewachsen“, sagt Schipper. Die Liste legt ein globales Netzwerk offen. Gillick zum Beispiel ist auch kuratierender Direktor der ersten Triennale im japanischen Okayama.

Immer überall sein - das ist für Künstler, Kuratoren und Galeristen gleichermaßen die Bedingung, um wichtig zu sein. Auch Hito Steyerl sei „in der ganzen Welt zu sehen“, sagt Schipper. „Sie ist überall präsent und alle sprechen über sie.“

Überraschend ist aber, dass sogar Wissenschaftler in den „Power 100“ landen können. So steht die amerikanische Biologin Donna Haraway (72) auf Platz 43. Die Ideen der Feministin und Kulturtheoretikerin seien in der Kunstwelt derzeit sehr populär, sagt Rappolt. „Man muss kein Künstler sein, um auf die Liste zu kommen.“ Es gehe auch um den Einfluss, den jemand auf die Kunstproduktion habe.

Illusionen macht Rappolt sich aber trotzdem nicht: „Wie immer man denkt, was die Kunstwelt ist, es ist immer noch eine kapitalistische Welt - und es geht um Kapital.“

  • dpa
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