Re-Import
Santa Claus kommt nach Hause

„Jingle Bells“ und „Santa Claus“: Wenn deutsche Kaufhäuser, Kinos und Radiosender von amerikanischem Weihnachtskitsch überschwemmt werden, ist das lediglich ein Re-Import. Denn Amerikas Weihnachtsfest stammt im Wesentlichen aus good old Germany.

DÜSSELDORF. Weihnachten ist nicht mehr das, was es einmal war. In Kaufhäusern ist immer öfter das unsägliche „Jingle Bells“ statt des schönen „O du fröhliche“ zu hören. Der kitschige „Santa Claus“ aus Coca-Cola-Werbung und Hollywood-Filmen verdrängt das anmutige Christkind. Weihnachten ist insofern ein Indikator des Verlustes regionaler Traditionen und der alltagskulturellen Amerikanisierung. Doch in diesem Fall ist es ein Bumerang, denn Amerikas Weihnachtsfest ist im Wesentlichen ein Kulturimport aus good old Germany.

Die meisten Weihnachtsbräuche, von den eigentlich liturgisch-kirchlichen Handlungen abgesehen, sind, wie die Brauchtumsforschung festgestellt hat, nicht besonders alt. Der Christbaum ist erst seit dem frühen 19. Jahrhundert im deutschen Sprachraum verbreitet und trat von hier aus seinen Siegeszug an: Im Krieg von 1870/71 saßen die deutschen Soldaten im eroberten Feindesland um kerzengeschmückte Tannenbäume. Zu dieser Zeit wurde der Brauch zwar in Frankreich noch von manchen als allzu deutsch abgelehnt, aber in weiten Teilen Europas und Nordamerikas hatte sich der Christbaum schon durchgesetzt.

Er wurde oft auf vorchristliche, germanische Bräuche zurückgeführt (wie überhaupt Weihnachten auf das „Julfest“). Dafür gibt es aber offenbar keine Belege. Vielmehr sehen Forscher, wie der Passauer Volkskundler Walter Hartinger, seinen Ursprung als symbolische Beigabe („Baum der Erkenntnis“) in Krippenspielen der frühen Neuzeit. Ein kerzengeschmückter Tannenbaum ist 1621 im Kloster Neustift in Südtirol nachgewiesen.

Die Bescherung am „Heiligen Abend“ ist Martin Luthers Erfindung. Vor dem 16. Jahrhundert und in manchen katholischen Regionen noch im 20. Jahrhundert gab es am Nikolaustag Geschenke. Da der Reformator den Heiligenkult ablehnte, er und seine Anhänger (wahrscheinlich vor allem deren Kinder) aber auf Geschenke nicht verzichten wollten, führte er das „Christkind“ ein. Dieses meist weiblich vorgestellte, engelsgleiche Wesen ist übrigens nicht mit dem Jesus-Kind gleichzusetzen.

In Norddeutschland wurde aus „Knecht Ruprecht“, dem strafenden Begleiter des Christkindes, und dem Nikolaus im 19. Jahrhundert der „Weihnachtsmann“, in den Niederlanden „Sinter Claas“. In Nordamerika entstand daraus „Santa Claus“.

Populär wurde das familienzentrierte Weihnachtsfest inklusive Weihnachtsmann/Santa Claus auch in angelsächsischen Ländern erst im 19. Jahrhundert – und zwar unter deutschem Einfluss: In Amerika durch deutsche Einwanderer wie den Karikaturisten Thomas Nast und in England vermutlich durch Prinz Albert, den deutschen Gemahl der Königin Viktoria. Die amerikanischen Puritaner hatten das Weihnachtsfest zuvor abgelehnt. In England war es eher mit wilden Saufgelagen verbunden.

Wenn deutsche Kaufhäuser, Kinos und Radiosender also vom amerikanischen Weihnachtskitsch überschwemmt werden, so ist das nichts als ein Re-Import.

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