Ré Soupault
Im Spiegel der Kamera

Ré Soupault gehört zu den großen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Das erkannte die Welt jedoch erst 1988, als ihr Frühwerk wieder auftauchte. Spuren hinterließ das Multitalent aber auch in Mode, Literatur und Film.
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Mannheim Es gibt ein berühmtes Selbstporträt der Fotografin Ré Soupault. Da steht sie in einem hochgeschlossenen, ärmellosen, weißen Sommerkleid „säulengleich“ vor einer echten weißen Säule in südlichem Licht. Sie hat das Bildnis aus leichter Untersicht aufgenommen. Im Haar und um den Hals trägt sie Blumenschmuck, eine Hand ruht auf der Hüfte. Ihr Blick ist offen, selbstbewusst und auf etwas gerichtet, das sich neben der Kamera befindet. Das Schwarzweiß dieser schönen Aufnahme scheint zu flimmern, die Kontraste zwischen Hell und Dunkel sind markant.

Als Fotografin ist Ré Soupault (1901-1996) eine feste Größe im Kanon des 20. Jahrhunderts. Große Ausstellungen, zuletzt in Berlin, München und Prag, haben ihr Werk gewürdigt und in eine Reihe mit Zeitgenossen wie André Kertesz, Man Ray oder Gisèle Freund gestellt. Dass die Bauhaus-Schülerin aber ein künstlerisches Multitalent war, neben der Fotografie auch Bedeutendes im Avantgarde-Film, in der Mode und nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in der Literatur geleistet hat, das erschließt jetzt die Ausstellung „Ré Soupault – Künstlerin im Zentrum der Avantgarde“ in der Kunsthalle Mannheim. Dabei entsteht das Bild einer Frau, die mit unerschöpflicher Lust Neues ausprobierte.

Negative überdauerten in einem Koffer 

Das oben beschriebene „Selbstporträt, Hammamet“ entstand 1939 in Tunesien. Zusammen mit ihrem zweiten Mann, dem surrealistischen Dichter und Journalisten Philippe Soupault, hielt sich Ré Soupault seit einem Jahr in dem nordafrikanischen Land auf, um dort im Auftrag der französischen Volksfront-Regierung einen antifaschistischen Radiosender aufzubauen. Die Zeit nutzt sie auch für Fotoreportagen, die zu ihren bedeutendsten Arbeiten zählen sollten. So gelang es ihr, zehn Tage lang Aufnahmen im normalerweise für Ausländerinnen gesperrten „Quartier réservé“ zu machen, einer Art Straßenbordell. Die dezenten, betont unspektakulären Bilder bezeugen, dass Ré Soupault eine Beziehung zu den Frauen aufgebaut hatte, die dort unter ärmlichsten Bedingungen leben und arbeiten mussten.

Dass diese Fotos erhalten sind, gleicht einem Wunder. Als 1942 die NS-Truppen Tunis eroberten, konnten Ré und Philippe Soupault im allerletzten Augenblick entkommen. Ihr gesamtes Hab und Gut, also auch die gesamte Fotoausrüstung und die alten Aufnahmen, mussten sie zurücklassen. Erst 1988 tauchten die verloren geglaubten Negative in einem Koffer wieder auf – eine Sensation. Ré Soupault hatte da die Fotografie längst aufgegeben.

Am Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn stand jedoch der Film. Während ihres Studiums am Bauhaus – damals noch in Weimar – lernte sie 1923 den Experimentalfilmer Viking Eggeling kennen, der Unterstützung bei der Arbeit an einem Kurzfilm brauchte. Er spielte mit Lichteffekten und sollte so etwas wie bewegte Malerei sein. Ein Jahr lang arbeitete Ré Soupault, die damals noch Erna Niemeyer hieß, an dem technisch aufwändigen Film mit, bis dieser unter dem Titel „Diagonal-Sinfonie“ fertiggestellt war. In dieser Zeit lernte sie Hans Richter kennen, der ebenfalls Avantgarde-Filme dreht. Er wurde ihr erster Mann, doch die Ehe scheiterte rasch.

Zweite Karriere als Modeschöpferin

1926 begegnete sie in Paris dem Modeschöpfer Paul Poiret, für den sie einige Entwürfe zeichnete. Eine neue Tür war geöffnet. In den Folgejahren hinterließ sie Spuren in Berlin und Paris. Unter dem Pseudonym Renate Green machte sie sich als Modejournalistin, Modezeichnerin und schließlich auch als Modeschöpferin einen Namen. Noch heute können ihre Zeichnungen, die sie in der Zeitschrift „Sport im Bild“ veröffentlicht, begeistern. Viele Entwürfe wirken verblüffend zeitgemäß. Anfang der 1930er Jahre betrieb sie in Paris sogar ein eigenes Modestudio („Ré-Sport“). Stars der Fotografie wie Man Ray fotografierten ihre Kollektionen.

1937 heiratete sie Philippe Soupault. Gemeinsam unternahm das Paar ausgedehnte Reportagereisen, wobei Ré auf Wunsch ihres Mannes fotografierte. Die Kriegsjahre waren turbulent, im Auftrag der französischen Exilregierung arbeitete das Paar zunächst in Nordafrika, später in Süd- und Nordamerika. Das Kriegsende erlebte Ré Soupault in New York, wo sie sich von Philippe trennte. Erst 30 Jahre später lebten Ré und Philippe Soupault wieder zusammen – bis zu Philippes Tod 1990.

Brotberuf Übersetzerin

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Ré Soupault nach Paris zurück und arbeitete als Journalistin, später als Übersetzerin. Erneut waren es eher Zufälle und die turbulenten Zeitläufe, die ihr das neue Betätigungsfeld erschlossen. Ihr fiel der Auftrag zu, nicht weniger als 2.000 Seiten Jugenderinnerungen des engagierten Schriftstellers Romain Rolland ins Deutsche zu übersetzen. Daraus entwickelte sich ihr Brotberuf, den sie bis ins hohe Alter ausübte. Daneben schrieb sie Radiofeatures und Reportagen.

Durch den Fund der alten Negative erlebte Ré Soupault in den 1990er Jahren einen späten Ruhm, fünf Jahrzehnte nach der Entstehung ihrer Fotoarbeiten. So zeichnet diese Ausstellung nicht nur das Porträt einer großartigen Künstlerin, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf ein Jahrhundert, das mit seinem Auf und Ab, seinen vielen Möglichkeiten und Katastrophen die ungewöhnlichsten Biographien hervorgebracht hat.

„Ré Soupault – Künstlerin im Zentrum der Avantgarde“ läuft bis zum 8. Mai in der Kunsthalle Mannheim. Der Katalog im Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, kostet 29,80 Euro.

www.kunsthalle-mannheim.eu

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