Reaktionen auf SS-Geständnis
Günter Grass: Von Worten und Werten

Nach dem Bekenntnis, in seiner Jugend Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, stößt Günter Grass bei Schriftstellern, Historikern und anderen Weggefährten auf ein geteiltes Echo. Auch im Ausland reichen die Reaktionen von Verständnis bis Ablehnung.

HB HAMBURG. Kritik wurde besonders am späten Zeitpunkt der Offenlegung laut, in der Frage seiner moralischen Glaubwürdigkeit stärkten viele Schriftsteller-Kollegen dem 78- Jährigen aber den Rücken.

Grass berichtet erstmals in seiner im September erscheinenden Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ über seine Einberufung als 17-Jähriger zur Waffen-SS. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) vom Samstag erklärt der 78-Jährige ausführlich vorab, wie es dazu kam. Der dpa sagte er auf die Frage, warum er sich erst jetzt öffentlich bekennt: „Ich habe das, im Rückblick, immer als einen Makel empfunden, der mich bedrückt hat und über den ich nicht sprechen konnte. Das musste mal geschrieben werden.“ In der Zeit seines Einsatzes von Februar/März 1945 bis zu seiner Verwundung am 20. April 1945 habe er aber keinen einzigen Schuss abgegeben.

„Ein bisschen spät kommt das“, sagte Schriftsteller Walter Kempowski (77) dem Berliner „Tagesspiegel“ (Samstag). Doch Kempowski fügte hinzu, dass auch für Grass das Bibel-Wort gelte: „Wer selbst ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Grass selber sagte der FAZ, er wisse nicht, ob er den richtigen Zeitpunkt verpasst habe. „Es ist sicher so, dass ich glaubte, mit dem, was ich schreibend tat, genug getan zu haben.“

Nach Ansicht von Ralph Giordano (83) kommt das Bekenntnis von Grass keinesfalls zu spät. „Ich habe Leute gekannt, die erst mit 80 oder 85 Jahren bekannt haben, was sie falsch gemacht haben“, sagte der Autor der dpa. Schlimmer als einen Irrtum zu begehen, sei es, keine Konsequenz daraus zu ziehen und das habe Grass ja schon lange gemacht. „Für mich verliert er durch diese Öffnung nicht an moralischer Glaubwürdigkeit - in keiner Weise, das möchte ich hier ganz klar und unmissverständlich sagen.“

Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Jens stärkte Grass den Rücken. „Ein Meister der Feder hält Einkehr und überlegt sich: Was hast du im langen Leben zu berichten vergessen? Das hat er getan und er verdient meinen Respekt“, sagte der 83-Jährige am Samstag in Tübingen. Auch für den Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck (68), stehen „das künstlerische Werk und seine politische und moralische Integrität auch nach seinem Bekenntnis außer Zweifel“. „Ich trenne nicht zwischen Werk und Person“, sagte Staeck der dpa. Der Autor Dieter Wellershoff (80) warnte im „Kölner Stadt-Anzeiger“ ebenfalls vor einer moralischen Aburteilung.

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