Reaktionen in den Medien
Presseschau: Der „Scheinmoralist“

Die Geständnisse des Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass schlagen inzwischen auch in ausländischen Medien immer höhere Wellen. Zudem machte Grass’ Aussage, dass er sich von einigen Reaktionen verletzt fühle, alles nur noch schlimmer. Eine Presseschau.

HB DÜSSELDORF. „Was hat der Nobelpreisträger eigentlich erwartet? Dass seine überraschten Zeitgenossen in Hurrah-Gebrüll ausbrechen? Ihn ob seiner Ehrlichkeit gleich zum nächsten großen Preis vorschlagen? Grass ist über die Reaktionen enttäuscht, fühlt sich verletzt. Gar zur Unperson erklärt. Offenbar war dem Mann nicht nur das Gefühl für Wahrhaftigkeit abhanden gekommen. Sondern jetzt auch noch das Gespür für Redlichkeit“, schreibt die Bild-Zeitung.

Ähnlich sieht das die Leipziger Volkszeitung: „Nach seinem viel zu späten Eingeständnis, als Halbwüchsiger in der Waffen-SS gedient zu haben und einigen Tagen der Schreckstarre über die Heftigkeit der Reaktionen, glaubt Grass nun, Majestätsbeleidiger wollten ihn zur Unperson degradieren. Grass - das Opfer: Schon wieder eine blechtrommelnde Selbstinszenierung, offenbarend selbstgefällig. Mit aggressiver Wehleidigkeit will der strauchelnde Titan nach Jahrzehnten der intellektuellen und gnadenlos messerscharfen Arroganz zweifelnde Anhänger besänftigen.“

Der Tages-Anzeiger aus Zürich wirft Grass vor, ein „Scheinmoralist“ zu sein: „Die SS-Mitgliedschaft des jungen Günter Grass ist nicht nur entschuldbar - sie ist sogar nachvollziehbar. Unentschuldbar ist allein sein Schweigen. Und ebenso unentschuldbar ist sein Mangel an Demut bei der Aufdeckung seiner Lebenslüge. Grass hat die Mitgliedschaft in der Waffen-SS und im Nazisystem immer wieder thematisiert und damit die Frage nach Schuld, Moral und Verantwortung gestellt. Er hat Schuldige und Unschuldige über Jahrzehnte hinweg mit diesen Fragen konfrontiert. Er hat beurteilt und verurteilt. Sein eigenes Verhalten nahm der Scheinmoralist aber aus.“

Günter Grass: Bilder eines Schriftstellerlebens

Auch viele ausländischen Zeitungen beschäftigen sich mit den Thema: „Der Autor der „Blechtrommel“ galt als die höchste moralische Instanz Deutschlands. Er hat nie an Kritik und Angriffen gegen jeden gespart, der es versuchte, die Taten der Nazis zu verniedlichen. Das Eingeständnis, dass er selbst zur fürchterlichsten Einheit der Hitler-Armee gehörte, sorgte für Erschütterung“, schreibt die unabhängige bulgarische Zeitung „24 Tschassa“. Die konservative norwegische Tageszeitung „Aftenposten“ fügt hinzu: „Grass als moralische Instanz ist geschwächt. Und als Aktivist in der Politik, in der er sich lange engagiert hat, wird er nun als weniger klug dastehen. Um es mal vorsichtig auszudrücken.“

Von der dänischen Tageszeitung „Berlingske Tidende“ muss sich Grass folgende Frage stellen lassen: „Dass öffentliche Personen wie Grass (...) ihre Leichen im Keller verschweigen, erscheint menschlich verständlich. Schwer zu verstehen ist dagegen, wenn sich dieselben Personen als Teilnehmer an der öffentlichen Debatte ganz hoch auf das moralische Ross setzen. Warum trägt man nicht zu einer Nuancierung der Diskussion bei, wenn man doch aus eigener, schmerzhafter Erfahrung weiß, wie leicht man auf der falschen Seite landen kann?“

Die linksliberale dänische Tageszeitung „Information“ wendet sich indes der Diskussion um Grass' Nobelpreis zu: „Wer sagt, man müsse Grass nun den Nobelpreis aberkennen, irrt total. Seine Autorenschaft hat in keiner Weise Schaden erlitten. Als Intellektueller, Gewissen der Nation und öffentliche Person hat Grass indessen ein Problem. (...) Sein Schweigen ist das Problem. Und gleichzeitig ein Beweis, dass er wirklich einen empfindlichen Punkt bei sich selbst und den Deutschen trifft.“

Einer Studie des Forsa-Institutes zufolge lehnt übrigens auch die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Forderung mancher Kritiker ab, dass der Schriftsteller den Literaturnobelpreis zurückgeben solle. 87 Prozent der Befragten erklärten, Grass solle die ihm 1999 verliehene Auszeichnung behalten. Nur acht Prozent sind der Ansicht, Grass solle den Preis wegen seines späten Bekenntnisses, als Jugendlicher der Waffen-SS angehört zu haben, zurückgeben. Fünf Prozent antworteten mit „weiß nicht“. Für die Studie im Auftrag des Magazins „Stern“ wurden am Montag 1005 Bundesbürger befragt.

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